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Vermittlung von Neuer Musik bei den Darmstädter Ferienkursen 2016

01. August 2016 Jana Rothe Keine Kommentare

von Jana Rothe

„Das anfangs auch hinsichtlich der Altersstruktur herkömmliche Lehrer-Schüler-Verhältnis wandelte sich recht bald zu einer besonderen Lehr- und Lerngemeinschaft, die durch ein gegenseitiges Geben und Nehmen ohne Rücksicht auf Altersprioritäten bestimmt war“ – so beschreibt 1994 Hermann Danuser in seinem Artikel „Gibt es eine ‚Darmstädter Schule‘?“ die Lehratmosphäre innerhalb der Darmstädter Ferienkurse.[1] Bei meinem diesjährigen Besuch bin ich gespannt, inwieweit dieses gegenseitige Geben und Nehmen auch heute noch zu spüren ist.

Mit dem Lehren und Lernen von Musik habe ich bereits vielfältige Erfahrungen gemacht. Ich genieße seit vielen Jahren Musikunterricht und unterrichte seit über zwei Jahren Querflöte. Auf diesem Wege konnte ich bereits viele unterschiedliche Lehrer und ihre pädagogischen Ansätze kennenlernen. Der Unterricht unterschied sich je nach Bildungsgrad und Erfahrung der Lehrer – ob es nun SchulmusikerInnen, ProfessorInnen, MusikschullehrerInnen, freiberufliche KünstlerInnen, MusikstudentInnen, AbsolventInnen des Popkurses Hamburg oder der School of Music Hamburg waren. Besonders beim Gesangsunterricht waren deutliche Unterschiede erkennbar. Manche Lehrer arbeiteten überwiegend mit Emotionen, Vorstellungen und bildhaften Erklärungen, während andere hingegen vorrangig auf technische Übungen Wert legten. Auch die Stilrichtungen, die meine bisherigen Lehrer unterrichteten, waren vielfältig – von Klassik, über Tango und Jazz bis hin zu Musical. Daneben wurden auch Studio-Technik und der Umgang mit elektronischen Verfahren und Geräten vermittelt. Neue Musik hingegen war bisher noch nicht Gegenstand meines Unterrichts. Im Rahmen der diesjährigen Ferienkurse möchte ich dies durch die Teilnahme an verschiedenen Workshops nachholen. Bei meinen Besuchen des Unterrichtes von Neuer Musik möchte ich exemplarisch untersuchen, inwieweit sich die Vermittlung und Lernstrategien bei traditioneller oder populärer Musik von denen der Neuen Musik unterscheiden. Aber auch inwiefern sich die Vermittlungsarten innerhalb der unterschiedlichen Disziplinen der Neuen Musik unterscheiden.

Da ich den Querflötenunterricht selbst in überwiegend konventioneller Art und Weise kenne, möchte ich die dort vermittelte Spiel- und Vortragsweise mit der der Neuen Musik vergleichen. Vermutlich gibt es aufgrund der veränderten Anforderungen an die Spieler auch andere Übetechniken. Wie werden diese dem Schüler vermittelt? Hierfür möchte ich den Kurs „2. Flute Composition Workshop“ von Eva Furrer und Rebecca Saunders vom 3. bis 5. August (jeweils 14:30 bis 18:00 Uhr) besuchen. Ich interessiere mich für diesen Kurs, da er auf das Flötenspiel in der Neuen Musik eingeht und zusätzlich die Schwerpunkte von Eva Furrers Tätigkeit beleuchtet – insbesondere die Improvisation und die Weiterentwicklung der Flötentechnik auf Sonderinstrumenten (wie zum Beispiel der Kontrabassflöte). Zusätzlich möchte ich die Vermittlung des Saxophonspiels und des Umgangs mit elektronischen Instrumenten analysieren und mit der Vermittlung des Querflötenspiels in der Neuen Musik vergleichen. Der Kurs „Saxophone Studio“ von Marcus Weiss (vormittags zwischen 9 und 13 Uhr) bietet aufgrund seiner Schwerpunkte „Repertoire, Spieltechniken, Ästhetik“ einen guten Anhaltspunkt, um die Art des Unterrichts und die weitergegebenen Werte mit der Vermittlung des Flötenspiels vergleichen zu können. Um die pädagogischen Ansätze beim Spiel elektronischer Instrumente in der Popularmusik mit denen der Neuen Musik vergleichen zu können, möchte ich das Atelier Elektronik von Sebastian Berweck (3. bis 6. August) besuchen. Dieser Workshop für Anfänger und Fortgeschrittene bietet einen Einstieg in die Interpretationspraxis der elektronischen Musik. Ich hoffe, dass sich aus meinen Untersuchungen übergreifende Gemeinsamkeiten oder Besonderheiten in der Vermittlung von Spieltechniken und Ästhetiken der Instrumente und Stile erkennen lassen, die auf die Eigenheiten der Neuen Musik zurück zu führen sind.

Ein besonderes Feld stellt für mich die Vermittlung des Komponierens dar. Paul Hindemith war beispielsweise der Meinung, dass „Komposition in letzter Instanz […] unlehrbar“ sei[2], weshalb er erst 1948 auf Drängen der Yale University und seiner Schüler einen Kompositionskurs leitete.[3] Deshalb möchte ich gerne die unterschiedlichen Herangehensweisen an den Kompositionsunterricht Neuer Musik untersuchen. Hierfür bietet sich der Workshop Situatives Komponieren von Hannes Seidl (1. bis zum 7. August) an, der neben den Themen „mediales Komponieren“, „Teamwork“ und „referentielles Arbeiten“ auch die Rahmenbedingungen künstlerischer Produktion in den Gestaltungsprozess mit einbezieht. Ebenso zeigen die unterschiedlichen im Workshop denkbaren Aufführungsformate (installativ, konzertant, improvisiert, stationär, etc.) unterschiedliche Wege, um ein Stück dem Publikum zu vermitteln. Ich bin außerdem gespannt, wie Seidl das Komponieren anhand von „Äußerungen, die aufgeführt, verfremdet, beschrieben, versteckt, gesampelt“ werden können, seinen Schülern nahe bringt. Einen anderen Ansatz verfolgt der „Percussion Composition Workshop“, hier werden „Komponisten und Musiker zum freien Experimentieren“ eingeladen. Im Mittelpunkt stehen die „Entwicklungsprozesse, praktische Mitwirkung und der Austausch von Ideen und Erfahrungen“. Dieser Workshop bietet damit noch ein anderes Format der Musikpädagogik, das ich gerne mit berücksichtigen möchte.

Meine Betrachtungen zu pädagogischen Ansätzen im Instrumentalspiel und in der Komposition möchte ich schließlich durch den Besuch eines Workshops zu performativen Elementen (dem Workshop Composer-Performer von David Helbich und Jennifer Walshe) und des Kongresses Excess. Forum for Philosophy and Art zum Thema „Überschüsse“ abrunden. Ausgehend von den philosophischen Reflexionen möchte ich der Frage nachgehen, inwiefern es einen Zusammenhang zwischen dem Wert, beziehungsweise der Rolle, der Neuen Musik und ihrer Vermittlung gibt. Durch diese theoretischen Überlegungen erhoffe ich mir, ein umfangreiches Bild sowohl der praktischen als auch theoretischen Vermittlung der Neuen Musik zeichnen zu können.

[1] Hermann Danuser: „Gibt es eine Darmstädter Schule?“, in: Musikkultur in der Bundesrepublik Deutschland: Symposium Leningrad 1990, Kassel 1994, S. 149–166, hier S. 151.

[2] Giselher Schubert: Art. „Hindemith, Paul“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart 2, Personenteil Bd. 9, Kassel 2003, Sp. 20.

[3] Ebd., Sp. 20.

 



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