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HIDDEN von Chaya Czernowin – lassen sich Hörassoziationen steuern?

20. Juli 2017 Tobias Knickmann Keine Kommentare

von Tobias Knickmann

 

1. Hypothese und Intention

Die Programmnotiz Chaya Czernowins zu ihrer Komposition HIDDEN (2013/14) für Streichquartett und Elektronik ist geprägt durch die Metapher einer labyrinthischen Unterwasserlandschaft mit monolithischen Felsen. Zudem zeichne sich das Stück durch Unschärfe, Leere, Vibration und Tiefe aus.[1] Mittels einer stichprobenartigen, allerdings nicht repräsentativen Befragung von sieben Studierenden der Musikwissenschaft soll folgende Hypothese überprüft werden: Der programmatische Kommentar der Komponistin zu HIDDEN steuert das assoziative Hörverhalten der ProbandInnen.

Explizit sei darauf hingewiesen, dass es sich um keine (!) wissenschaftliche quantitative Datenerhebung handelt, sondern um eine als Denkanstoß oder Impuls dienende Rezipienten-Befragung.

 

 2. Versuchsaufbau und –durchführung

Unmittelbar vor Beginn des Konzerts von HIDDEN in der Darmstädter Orangerie am 2.8.2016, interpretiert vom Arditti-Quartett und elektronisch realisiert durch Jérémie Harton und Carlo Laurenzi (IRCAM), hörten die ProbandInnen eine kurze Einführung zur Vita der Komponistin, zu Stil und Ästhetik sowie zum aufgeführten Stück selbst. Im Fokus standen dabei insbesondere die auf den Klang fokussierte Ästhetik Czernowins sowie die räumliche Konzeption des Stückes. Darüber hinaus erhielten alle TeilnehmerInnen einen Hörplan (s. Abb. 1), der auf Basis der Partituranalyse[2] entstand und (zu erwartende) charakteristische klangliche Merkmale von HIDDEN in chronologischer Reihenfolge auflistet, um eine Orientierung während der Rezeption zu gewährleisten.[3]

Im Anschluss an das Konzert füllten die ProbandInnen anonym einen der Fragebögen A oder B (s. Abb. 2) zu den erlebten Hörassoziationen aus. Im Vorfeld hatten sie sich bereits mit dem Inhalt des jeweiligen Fragebogens vertraut gemacht. Die Bögen A und B sind identisch bis auf die Ausnahme, dass Bogen A Czernowins Programmnotiz (Punkt 0.) enthält, Bogen B hingegen nicht. Laut Hypothese müsste Testgruppe A (TGA) demnach Czernowins Text folgen, Testgruppe B (TGB) nicht.

 

3. Fragestellungen

An die Hypothese schließen sich drei untergeordnete Fragestellungen an:

1) Die Punkte 1. bis 5. dienten einer zeitlichen Distanzierung zwischen der auf Bogen A enthaltenen Programmnotiz (0.) und den zentralen Punkten 6. und 7. Unter 3. bis 5. stellt sich die Frage, ob neben Czernowins Programmnotiz die im Vorhinein gehaltene Einführung sowie der ausgehändigte Hörplan die Erwartungshaltungen (3. bis 5.) gesteuert haben könnten.

2) Folgt TGA tatsächlich den von Czernowin beschriebenen Assoziationen und wählt somit unter 6. die Punkte „Tiefsee“, „Labyrinth“, „tief“, „leer“, „glatt“, „vibrierend“, „steinig“ aus?

3) Da die Komponistin nach eigener Aussage mittels ihrer Musik das Ohr zum Auge transformieren möchte,[4] sollten die ProbandInnen unter 7. ein Bild ihrer Höreindrücke anfertigen. Es stellt sich insbesondere die Frage, ob und inwieweit dieses Bild die anderen getätigten Angaben wiederspiegelt und/oder ob es im Fall von TGA Czernowins Notiz folgt.

 

4. Auswertung

Fünf TeilnehmerInnen bezeichnen sich als affin gegenüber Neuer Musik. Niemand kannte HIDDEN vor dem Konzert.

1) Unter 3. wurden die ProbandInnen aufgefordert, ihre Erwartungshaltung an das Konzert zu formulieren. Die Antworten lassen sich mit wenigen Ausnahmen in zwei Kategorien gliedern. Erstens erwarteten sechs Personen ein auf das Spiel mit diversen Klangfacetten ausgerichtetes Hörerlebnis: z. B. „Sphärisches all-round Klangerlebnis“, „Klangerfahrungen“, „Rauheiten des Klangs“, „Felsige Klänge“, „Klangflächen“, „Klangmassen“, „Klangfelsen“. Eng damit verbunden antizipierten zweitens ebenfalls sechs von sieben Personen eine mit Hilfe eines differenzierten Raumkonzeptes arrangierte Musik: z. B. „Raumerfahrungen“, „Räumlicher 3D-Klang“, Surroundeffekte“, „Lautsprechereffekte“, „verschiedene Perspektiven“. Die im Vorfeld gehaltene Einführung dürfte demnach mit großer Wahrscheinlichkeit die Erwartungshaltung gesteuert haben. Mit Blick auf die Hypothese lässt sich darüber hinaus festhalten, dass beide Testgruppen eine ähnliche Erwartungshaltung hatten und somit TGA nicht zwingend durch Czernowins Programm beeinflusst gewesen sein musste. Eine Ausnahme könnte ProbandIn 1A darstellen, der/die in Analogie zu Czernowins „monolithic aural rock“ „felsige Klänge“ erwartete.

Nach Ende des Konzerts sehen sich jeweils eine Person von TGA und TGB in ihren Erwartungen bestätigt. Fünf Personen kreuzten unter 4. (Sehen Sie sich nach Ende des Konzerts in Ihren Erwartungen bestätigt?) „Nein“ an. Eine Korrelation zwischen den Testgruppen lässt sich demnach nicht feststellen.

Die Angaben unter 5. fallen insgesamt gesehen sehr divergent aus: z. B. „schreiender Mann“, „Kontrast“, „Metall-Regen“, „mikroskopartig“. Vier Personen greifen die unter 3. formulierten Kategorien Klang und Raum erneut auf: z. B.: „mit klanglichen Höhepunkten“, „verfremdete Klänge“, „Eintauchen in Klang“, „Lautsprecherakustik“, „Kino-Sound“. Dementsprechend verwundert es, warum sich unter 4. nur zwei Personen in ihren Erwartungshaltungen bestätigt sehen. Mit den Angaben „Tiefenstruktur der Klänge“ und „Eintauchen in den Klang“ scheint lediglich eine Person aus TGA Czernowins Begriffsfeld aus der Programmnotiz aufzugreifen. Inwiefern die Teilnehmer darüber hinaus von der Einführung und/oder dem Hörplan beeinflusst wurden, lässt sich nicht feststellen, auch wenn die Angaben „Delays“, „Regen“, „schreiender Mann“, „Lautsprecherakustik“ begriffliche Parallelen zum Hörplan aufweisen.

2) Bei Frage 6. folgt TGA den von Czernowin in der Programmnotiz beschriebenen Assoziationen nicht mehr und nicht weniger als Gruppe B (TGB). Eine Korrelation und demnach eine durch die Notiz ausgeübte Steuerung der Hörassoziationen ließ sich also nicht feststellen.

Beispielsweise entfielen lediglich vier von insgesamt 19 Kreuzen in der Kategorie Landschaft/Ort auf die hypothetisch erwarteten Angaben „Tiefsee“ und „Labyrinth“, jeweils eine von TGA und eine von TGB. Die meisten Angaben fielen auf „Wüste“ (2xTGA, 1xTGB) und „Fluss“ (3xTGB); nicht ausgewählt wurden „Stadt“ und „Strand“.

Bei den Angaben zu Eigenschaft fällt auf, dass drei der von Czernowin verwendeten Assoziationen allein elf Mal von insgesamt 23 Angaben angekreuzt wurden („tief“: 1xTGA + 3xTGB, „vibrierend“: 3xTGA + 1xTGB, „steinig“: 1xTGA + 2xTGB). Einen Unterschied zwischen den Testgruppen ließ sich allerdings nicht feststellen, sodass ein Zusammenhang zwischen Notiz und Hörassoziation nicht zwingend bestehen muss. Zudem blieb keine Angabe unangekreuzt.

3) Die unter 7. angefertigten Bilder (s. Abb. 3 u. 4) entziehen sich einer grundsätzlichen Kategorisierung. Nur die erste Zeichnung von Fragebogen 1B sowie die Fragebögen 2B und 3B (eventuell 1A) bilden Landschaften ab. Czernowins Programmnotiz, die vordergründig auf der Darstellung einer (labyrinthischen Unterwasser-) Landschaft beruht, scheint TGA also nicht beeinflusst zu haben. Hingegen bilden die Zeichnungen von TGB  (zufälligerweise) Landschaften ab, obwohl die Gruppe die Notiz nicht kannte. Insbesondere die Zeichnung auf Fragebogen 3B kommt Czernowins Beschreibung recht nahe.

Bogen 3B ist es auch, der den höchsten Korrelationsgrad zwischen den Punkten 6. und 7. aufweist (s. Abb. 4). Bild 1B ließe sich als Wüste interpretieren und würde somit mit der Angabe unter 6. korrelieren. Zeichnung 2A scheint weniger die Angaben unter 6. abzubilden als die unter 5., unter der der/die ProbandIn „Regen“ als charakteristischen Höreindruck angibt. Weitere Zusammenhänge zwischen dem Bild und den unter 3. bis 6. getätigten Angaben sind stark interpretationsabhängig. ProbandIn 1A beispielsweise verwendet unter 3. und 5. Begriffe wie „Felsige Klänge“, „Eintauchen“, „mikroskopartig“ und kreuzt bei 6. unter anderem „Labyrinth“, „Schlucht“, „Fluss“, „tief“, „rund“ und „vibrierend“ an. Inwiefern die Zeichnung an diese Beschreibungen angelehnt ist, lässt sich nicht feststellen.

 

5. Fazit

TGA geht nicht mehr und nicht weniger auf Czernowins Programmnotiz ein als TGB. Die Hypothese lässt sich demnach nicht belegen.

Folgende Denkanstöße lassen sich aus diesem kleinen Experiment mitnehmen:

  1. Die Erwartungshaltung der meisten ProbandInnen basierte weitestgehend auf den Aspekten Klang und Raum. Eine weitergehende Partituranalyse von HIDDEN könnte diese Aspekte in den Fokus rücken und versuchen, einen Beitrag zur offenen Frage zu leisten, warum sich viele TeilnehmerInnen nach dem Konzert in ihrer Erwartung nicht bestätigt sahen.
  2. Auffällig sind die Angaben dreier ProbandInnen, die unter 5. ihre gefühlten Eindrücke wiedergeben. Die Charakteristika „Verloren“, „Verloren sein“, „Beklemmend“ spiegeln ein gewisses Unbehagen während des Konzerts wider und könnten als Impuls für weitere Überlegungen zu HIDDEN
  3. Jeweils vier ProbandInnen wählten unter 6. „tief“ und „vibrierend“ aus. Dies könnte möglicherweise ein Impuls für die weitergehende Analyse, beispielsweise der Lautsprecheranordnungen und –einstellungen (Stichwort „Höhle“) oder auch der Partitur (Stichwort „drunken rhythm“), sein.

 

6. Abbildungen

Abb. 1: Hörplan (Autor)

 

Abb. 2: Fragebogen A mit Programmnotiz

 

Abb. 3: Zeichnungen TGA

 

Abb. 4: Zeichnungen TGB

 

[1]     Vgl. für die originale Programmnotiz den Beitrag in der Rubrik Forschungsinteresse: „Das Auge zum Ohr transformiert“ in diesem Blog sowie Abb. 2, Punkt 0.

[2]     Vgl. Chaya Czernowin: HIDDEN, Mainz u. a. 2014, https://de.schott-music.com/shop/pdfviewer/index/readfile/?idx=MTM0Mjc3&idy=134277, 7.9.2016.

[3]     Die handschriftlichen Notizen auf dem Hörplan habe ich während und nach der Aufführung gemacht. Sie verdeutlichen, dass die anhand der Partitur formulierten Hörerwartungen mit dem eigentlichen Hörerlebnis nicht immer konform gehen. Beispielsweise waren die in der Partitur ausgezeichneten Samples wie „some outside noises“ oder „a car; faraway voices“ im Konzert nicht als solche identifizierbar. Proband 2B gibt jedoch an, zu Beginn von [G2] einen „schreiende[n] Mann“ wahrgenommen zu haben. Aus der Partitur geht dies nicht hervor.

[4]     Vgl. den Beitrag „Das Auge zum Ohr transformiert“, http://ferienkurse-neuemusik2016.blogs.uni-hamburg.de/das-ohr-zum-auge-transformiert-forschungsinteresse-bewusstseinserweiterung/



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