Seminar-Blog

custom header picture

Forschungsinteresse: Kritik in der Neuen Musik – Fluch oder Segen?

01. August 2016 Laura-Maxine Kalbow Keine Kommentare

von Laura-Maxine Kalbow

 

Spätestens seit dem niederschmetternden Verriss Klaus Umbachs „Qualm vom Quälgeist“, der die Oper Das Mädchen mit den Schwefelhölzern von Helmut Lachenmann – einem bekannten und langjährigen Dozenten der Darmstädter Ferienkurse – als „Ramsch“ betitelte[1], scheint die Beziehung von journalistischer Musikkritik und deutschen Avantgardisten einen Riss erlitten zu haben.

 

Beurteilung nach ästhetischen Kriterien – eine zeitgemäße Methode?

Zugebenermaßen: Es scheint nicht immer einfach, die neuen, außergewöhnlichen und vor allem experimentellen Musikformen zu verstehen. Dabei drängt sich gerade dem wenig geschulten Hörer die Frage nach der musikalischen Ästhetik auf. Oft bekommt man nach Konzerten mit moderner Musik zu hören: „Ja, das ist ganz interessant, aber doch nicht schön.“ Dies bringt offenbar gerade den kritischen Musikjournalismus in die Bredouille. Denn auf der einen Seite zielt die Musikkritik immer darauf ab, ein gewisses Publikum, ihre Leserschaft zu adressieren, auf der anderen Seite will sie aber auch den Anspruch hegen, Musik objektiv zu beurteilen. Einer objektiven Beurteilung von Musik liegt sowohl die eingehenden Beschäftigung mit ihrer Entstehungszeit als auch die Auseinandersetzung mit kompositorischen Stilen dieser Zeit zu Grunde. Die Kernfrage meines Forschungsinteresses lautet also: Gibt es Kriterien in der zeitgenössischen klassischen Musik, die eine objektive Beurteilung der musikalischen Avantgarde zulassen? Dem sei natürlich die grundsätzliche Frage nach der Immanenz der Neuen Musik vorangestellt. Welchen Anspruch stellt diese Musik an sich selbst und wie definiert sie sich? Gerade bei musikalischen Laien, die eine mögliche Leserschaft der Musikkritik bilden, drängen sich oft die Fragen auf, was genau die klassische zeitgenössische Musik überhaupt sei, und welche musikalischen Konzepte und Ideen nach dem Umbruch am Beginn des 20. Jahrhunderts folgten. Oft wird dabei mit der Begründung argumentiert, dass in der klassischen Musik doch schon alles erfunden worden sei. Dieser Gedanke findet sich in seinen Grundzügen auch in Äußerungen Robert Beyers, einem bekannten Tontechniker der Darmstädter Ferienkurse. Beyer vertritt die Auffassung, dass sich die Musik in ihrer klassischen, an Instrumente gebundenen Form nicht mehr weiterentwickeln könne, aber die Technik beziehungsweise Elektronik dies leisten könne. Denn sie besäße die Möglichkeit, andere Parameter in die Musik miteinzubeziehen und sie dementsprechend zu erweitern.[2] Die Erforschung dieser Parameter kann dem Rezipienten grundsätzlich dabei helfen, die Neue Musik besser zu verstehen. Es liegt aber quasi auf der Hand, dass der normale Musikhörer weder die Möglichkeit noch die Zeit hat, sich mit den komplexen musiktheoretischen Konzepten der Neuen Musik auseinanderzusetzen. Genau hier wird die Forderung nach einem objektiven Medium als Mittler zwischen Komponist und Rezipient laut: dem Journalisten, dem Musikkritiker.

 

Der Kritiker als objektives Medium zwischen Musik und Rezipient

Damit soll nicht gesagt werden, dass der Journalist die Neue Musik wegen ihrer Experimentierfreudigkeit und ihren avantgardistischen Kompositionstechniken per se als positiv zu bewerten hat. Eine objektive Einschätzung ihrer Theorien kann jedoch nur erfolgen, wenn aus journalistischer Sicht eine umfassende und neutrale Untersuchung der musikalischen Ideen stattgefunden hat. Dabei gilt es zu reflektieren, ob die Beurteilung nach musikalischer Ästhetik in einer Kritik der zeitgenössischen Musik überhaupt gerecht werden kann. Christoph Drösser schildert in seinem Artikel „Zu schräg für unser Gehirn“ psychologische Experimente, die zeigen, dass die meisten Hörer nicht in der Lage sind, Zwölftonreihen bewusst zu hören und wiederzuerkennen, da das ihr Kurzzeitgedächtnis überfordert. Andere Studien kommen allerdings zu dem Ergebnis, dass der Mensch durchaus in der Lage ist, diese Musik zu erlernen und sie somit letztendlich auch als schön, als ästhetisch ansprechend zu empfinden.[3] Für das Erlernen muss es natürlich einen Anreiz geben. Gerade hier wäre der Musikjournalist anzusiedeln. Durch eine objektive Beurteilung und zielführende Analyse könnte er besser, da direkter, als jeder andere, dem Hörer beziehungsweise späteren Leser das Erlernen komplexer musikalischer Formen, wie sie in der Neuen Musik zu finden sind, schmackhaft machen.

 

Erwartungshaltung in der Musik: Komponist, Hörer und Kritiker

Für die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt und mein Forschungsinteresse sind insgesamt drei Faktoren von großer Bedeutung: der Komponist und seine musikalische Intention, der Hörer und seine Erwartung sowie der Journalist oder Kritiker als urteilende Instanz. Als untersuchenswert erweist sich dabei die Frage nach dem Verhältnis der einzelnen Faktoren. Wird der Hörer eines Konzerts in seiner Erwartung befriedigt? Worüber urteilt der Journalist und wie versteht er die musikalische Intention des Komponisten? Fühlt sich der Komponist in seiner Intention verstanden? Wie reagiert der Hörer auf die spätere Berichterstattung? Um diese wechselseitigen Beziehungen näher zu beleuchten und damit eine mögliche Antwort auf die Frage nach dem Prototyp einer Kritik zu geben, möchte ich in Darmstadt mit allen drei Instanzen sprechen und anhand der am Ende erscheinenden Kritiken beurteilen, ob sich die Relationen positiv entwickeln oder negativ behaftet bleiben. Eine große Rolle spielt dabei auch die Unbeständigkeit der einzelnen Faktoren, das heißt, nicht jeder Hörer hat die gleiche Erwartung, nicht jeder Komponist die gleiche Intention und nicht jedes Medium den gleichen Kanon. Am Ende der Untersuchung lassen sich im Idealfall die Fragen nach den Kriterien, anhand derer in einer Kritik geurteilt werden kann, sowie nach den Intentionen von Komponist und Rezipient beantworten.

[1] Klaus Umbach: „Qualm vom Quälgeist“, in: Der Spiegel 1997/5 (21.01.1997).

[2] Robert Beyer: „Musik und Technik“, in: Musik-Konzepte. Die Reihe über Komponisten. Sonderband Darmstadt-Dokumente I, hgg. von Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn, München 1999, hier S. 46.

[3] Christoph Drösser: „Zu schräg für unser Gehirn“, in: Die Zeit 2009/43 (15.10.2009).

Tags




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.