Seminar-Blog

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Einmal Neue Musik, zum mitnehmen bitte! – Auf der Suche nach der Aktualität Neuer Musik –

01. August 2016 Timo Grimm Keine Kommentare

von Timo Grimm

Wenn Musik Essen wäre, würden stereotype Ernährungsformen wohl folgendermaßen aussehen: am meisten gegessen, da an jeder Bahnstation und in jeder Fußgängerzone erhältlich: der aktuelle Mc-Chart-Hit. Schmeckt eigentlich immer wie der Mc-Chart-Hit der letzten Woche nur mit wechselnder Verpackung. Vollgestopft mit Geschmacksverstärkern, auto-tuned, bewirkt er bei einigen Konsumenten Brechreiz, bei den meisten jedoch schwere Suchterkrankungen oder zumindest das dumpfe Gefühl die wenigen noch verbliebenen Geschmacksnerven zu stimulieren. Bewusstere Konsumenten genießen von Zeit zu Zeit zum Frühstück einen Fairtrade-Kaffee der Marke „Get up, Stand up“: einfache, natürliche Zutaten, starke, zuweilen politisierende Wirkung. Irgendwo im verstaubten Plattenschrank verstecken sich bei dem einen oder anderen noch „St. Pepper’s Space Cookies“: Flower Power aus kontrolliert biologischen Anbau. Und ab und an gibt es, zu ganz besonderen Anlässen: Omas selbst gemachte Mozartkugeln: durchkomponiert, die Zutaten auf das Gramm genau ausgewogen, nach über 300 Jahre altem Familienrezept.

Soweit so bekannt. Doch wer verirrt sich in das nur alle 2 Jahre geöffnete internationale Restaurant für Neue Musik in Darmstadt? Nun, eigentlich niemand, abgesehen von ein paar verschrobenen Musikern, Komponisten, Musikjournalisten und Wissenschaftlern. Der Grund: die harte Kost. Zu schnell wäre die Frustrationsgrenze bei anderen Gästen erreicht. Mit altmodischen Besteck und Hörgewohnheiten ausgestattet ist es ihnen unmöglich, die mit Hilfe von Aleatorik, Sampling, Granularsynthese und Spektralanalyse gepressten Klangblöcke in einzelne verdauliche Happen zu zerkleinern. Die Kritiker und Wissenschaftler hingegen sind ganz in ihrem Element: mit speziellen Geräten untersuchen sie Struktur, Amplituden und Frequenzen der Komposition. Vielleicht erscheint im Anschluss eine Publikation zu einem Werk, die wiederum im Anschluss von drei oder vier Menschen wissbegierig verschlungen wird…

Ich breche an dieser Stelle ab, bevor ich mich in ein gefährliches Schubladendenken begebe, das besagt: Neue Musik sei nur etwas für Experten, Nerds oder andere weltfremde Elfenbeinturmbewohner. Beim Studieren des aktuellen Programms der Darmstädter Ferienkurse fielen mir in der Beschreibung von Dozenten und Workshops immer wieder Verbindungslinien zur Popkultur und -musik sowie zu politischen und gesellschaftlichen Themen auf. Diesen Verbindungslinien möchte ich nachgehen, um zu zeigen, dass Neue Musik nicht per se abstrakt sein muss und nur von Experten verstanden werden kann.

Meine Methode soll eine Mischung aus wissenschaftlichem und journalistischem Arbeiten sein. Wissenschaftlich möchte ich verschiedene Kompositionstechniken untersuchen und an geeigneten Stellen eine Analyse einzelner Kompositionen wagen. Journalistische Arbeitstechniken möchte ich dafür nutzen, um meinen Bericht interessanter und lebendiger zu gestalten. So habe ich vor, Interviews mit Komponisten zu führen und eventuell auch kurze Live-Aufnahmen bei Konzerten, in Workshops oder Foren zu machen. Besonders reizt mich der Gedanke, aus dem gesammelten Audiomaterial, den Interviews und Berichten eine Art Radiobeitrag für unseren Seminar-Blog zu erstellen. Die von Peter Meanwell geleitete Schreibwerkstatt könnte mir hierfür weitere Einblicke in Methoden und Herangehensweisen aus dem Bereich des Musikjournalismus geben.

Folgende Künstler und Events habe ich mir darüber hinaus vorgemerkt: Der jüdische Komponist, Künstler und Instrumentalist Dror Feiler setzt sich in- und außerhalb seines musikalischen Schaffens viel mit politischen Themen, gerade auch dem Israel-Palestina Konflikt auseinander. Im Rahmen des Kongresses Excess. Forum for Philosophy and Art wird er an der Diskussion über das Politische in der Musik teilnehmen. Vielleicht gelingt es mir im Anschluss daran, ihn für ein kurzes Interview zu gewinnen. Besonders viel Zeit und Aufmerksamkeit möchte ich dem Atelier Elektronik widmen, in dem Komponisten, die ihre Wurzeln in Techno, experimenteller, elektronischer oder auch elektroakustischer Musik haben, dozieren. Gerade die Künstler Phillip Sollmann und Susanne Kirchmayr sind stark von Techno und anderer populärer elektronischer Musik beeinflusst. Wie komponiert man an der Schnittstelle von Techno und Neuer Musik? Wie ist es möglich, „unterschiedliche Einflüsse wie Elektroakustische Musik, Minimal Music oder Drone ebenso wie Krautrock und verschiedene Ausprägungen von Techno zusammenzudenken“1? Auf welche Techniken, Instrumente und Programme kann der Komponist zurückgreifen? Was versteht man unter „Micro-Sampling“ undGranularer Synthese“? Susanne Kirchmayrs 1998 gegründete Deejane-Plattform female pressure zeigt außerdem, dass auch bei ihr Musik und politisches Engagement zusammen gehören.

Das Verschwimmen von Genregrenzen, der Einsatz moderner elektronischer Kompositionstechnik sowie das politische Engagement einiger Komponisten werden somit wichtige Themen meiner Arbeit über die Aktualität Neuer Musik im Programm der Darmstädter Ferienkurse sein. Vielleicht gelingt es mir sogar, durch das Aufzeigen von aktuellen Bezügen zu Popkultur und Gesellschaft den einen oder anderen Leser auf den Geschmack dieses bunten Potpourris namens „Neue Musik“ zu bringen.

Bon appétit!



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