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Das Ohr zum Auge transformiert – Forschungsinteresse: ‚Bewusstseinserweiterung‘

29. Juli 2016 Tobias Knickmann Keine Kommentare

von Tobias Knickmann

I. Gegenstand

Sie möchte nichts weniger als an die Grenzen der Wahrnehmung vordringen. Chaya Czernowins Komposition HIDDEN für Streichquartett und Elektronik von 2013/2014 versucht das erfahrbar zu machen, was jenseits des musikalischen Ausdrucks im Dunkeln verborgen liegt.[1] Damit berührt die israelisch-amerikanische Komponistin eine der Grundideen der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik: musikalische Bewusstseinserweiterung. Am 2. August wird das international renommierte Arditti-Quartett HIDDEN in der Darmstädter Orangerie aufführen.

Der eigentlichen Partitur geht – wie so üblich für viele Kompositionen jüngerer Musik – eine mehrseitige Legende voran, in der Czernowin Informationen über diverse Vortragsbezeichnungen und individuelle Zeichen vermittelt. Dabei fällt vor allem ein Aspekt ins Auge: die Unterteilung des Notentexts in fünf verschiedene ‚Orchestergruppen‘, das live spielende und gleichzeitig verstärkte Quartett sowie die vier Lautsprecher-„Wände“, die links, rechts, vorne und hinten positioniert sind und voraufgenommenes Klangmaterial sowie das Live-Quartett wiedergeben. Die technische Realisation, die in Zusammenarbeit mit dem Designer für Computer-Musik am Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique (IRCAM) in Paris, Carlo Laurenzi, stattfand, verspricht also ein insbesondere auf den Raum fixiertes Hörerlebnis. Dieses wird zusätzlich angereichert durch drei verschiedene Lautsprechereinstellungen in den einzelnen Wänden, die die Aufnahmen sowohl direkt klingen lassen, aber auch so, als kämen sie von hinter einer Wand oder aus einer Höhle.

Durch diese Anlage des Stücks möchte die Komponistin die HörerInnen auf eine ganz bestimmte Reise schicken:

„HIDDEN is a slow moving 45-minute experience where the ear is asked to see. The ear is given space and time to observe, and orient itself in a strange and unpredictable aural landscape. […] The material of the piece moves as if it is under water, devoid of sharp or dramatic gestures or any external drama. It is comprised of a submerged labyrinth of monolithic aural rocks, which are heard from varied distances and angles. It is inhabited by voids, low vibrations and different kinds of silences which are felt rather than heard as the landscape becomes increasingly unfamiliar. Along the course of its ever deeper descent from the surface and from the conventions of musical expression, the piece attempts to give testimony to that which it cannot decipher.“[2]

II. Methodik

Was das Stück selbst offenbar nicht entziffern kann, wird eventuell durch eine Befragung der KonzertbesucherInnen erhellt. So soll ein Fragebogen die Hörerfahrungen einer kleinen Gruppe von RezipientInnen festhalten, um sie im Anschluss analysieren zu können. Zwar ist die Konzeption dieses Bogens noch nicht gänzlich abgeschlossen, doch lässt sich bereits sagen, dass der Fokus vorrangig auf assoziativen Aspekten liegen wird. Ziel ist also eine stichprobenartige Sammlung von temporären und subjektiven Höreindrücken, die vor allem aufgrund der Tatsache, dass bisher keine veröffentlichte Aufnahme von HIDDEN[3] existiert, einen ersten Aufschluss über die Wirkung der Komposition geben soll.

Darüber hinaus möchte ich im Rahmen des von den Ferienkursen erdachten Formates Open Space versuchen, HIDDEN näher zu kommen. Laut Veranstalter ist der Zweck des Open Space ein eigeninitiierter Austausch für alle InteressentInnen.[4] Dementsprechend wäre es sicherlich aufschlussreich, die (Hör-)Erfahrungen anderer RezipientInnen zu sammeln und per Aufnahme zu dokumentieren, um sie mit meinen eigenen Eindrücken, die ich nach dem Konzert in Form eines Hör-Tagebuchs festhalten werde, zu vergleichen. Welche Themen treten hervor? Welche Fragen kommen auf? Welche Ideen kann ich dadurch für meine eigene Arbeit gewinnen?

Auch möchte ich die Gelegenheit nutzen, um Czernowins frühere Kammeroper Pnima… Ins Innere (1998/1999) zur Diskussion zu stellen, da diese im Zentrum meines Promotionsprojektes steht. Die Komposition basiert auf der Romanvorlage Stichwort: Liebe (1986) des israelischen Schriftstellers David Grossman. In seinem Buch schildert der Autor das Leben eines Jungen im Jerusalem der 1950er Jahre. Momik, dessen Eltern eine KZ-Inhaftierung überlebt haben, möchte gern verstehen, was passiert ist im Land „Dort“, wo seine Familie dieser mysteriösen „Nazi-Bestie“ ausgeliefert war. Da seine traumatisierten Eltern ihm jegliche Information vorenthalten, beginnt er im Keller Tiere einzusperren, um aus ihnen mit viel kindlicher Fantasie die Bestie hervorzulocken, zu besiegen und somit seine Angehörigen zu retten. Am Ende bricht er jedoch selbst zusammen.

Czernowin übernimmt aus dem Roman die Figuren Momik und seinen Großvater, der ebenfalls „Dort“ war, und transformiert sie in ihre eigene Musiksprache. Der Clue: Die Oper verfügt über keine herkömmlichen Partien, sondern lediglich über Vokalisen, vorgetragen von je zwei Männer- und Frauenstimmen. Als Anstoßpunkte für den Gedankenaustausch könnten Noten-, Video-, Klang- und Textbeispiele dienen, die ich den InteressentInnen vorstelle. Mögliche Themen darüber hinaus wären „Verlust der Sprache im zeitgenössischen Musiktheater“, „Der Holocaust in der Musik“, „Musikalische Darstellung von Trauma“ oder „Zeitgenössische instrumentale Spieltechniken“. Mein Ziel ist, eine möglichst breit gestreute Diskussion aus den verschiedensten Blickwinkeln wie dem interpretatorischen, spieltechnischen, medialen, analytischen usw. anzuregen, um gleichsam die Verständnisgrenzen einer teils schwer zugänglichen Musik zu erweitern.

[1]     Vgl. Czernowin, Chaya: HIDDEN [Partitur], S. [IV], http://www.schott-musik.de/shop/1/show,319261.html, 22.6.2016.

[2]     Ebd.

[3]     Eine Aufnahme könnte wegen der sehr differenzierten räumlichen Anlage der Komposition auch wohl kaum die Konzerterfahrung authentisch ersetzen.

[4]     Vgl. Eigenstellung IMD, http://www.internationales-musikinstitut.de/en/open-space-en/571-open-space2014-en.html, 22.6.2016.



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