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Darmstadt-Recap

29. November 2016 Marcus Buehler Keine Kommentare

von Marcus Bühler

Die Darmstädter Ferienkurse liegen jetzt schon über einen Monat zurück. Es war also Zeit genug, um die gesammelten Eindrücke zu rekapitulieren und sich die anfangs gestellte Fragestellung noch mal durch den Kopf gehen zu lassen. Dabei stellte sich das Erlebte zu verdauen – der saloppe Ausdruck trifft es in der tat ganz gut – nicht immer als ganz einfach heraus. Insbesondere die Live-Konzerte sind immer noch sehr präsent. Zunächst möchte ich aber ein paar Worte zu den Ferienkursen selbst verlieren.

Der erste Eindruck war fast ein bisschen ernüchternd: Ein Schulgebäude wie jedes andere. In diesem unspektakulären Bau wird nun also die Avantgarde-Tradition weitergeführt, die in den letzten sieben Jahrzehnten so Bahnbrechendes geleistet hatte? Drinnen herrschte geschäftiges Treiben. Im Laufe der Tage sah man viele Gesichter immer wieder und die Teilnehmer schienen eine verschworene Gemeinschaft zu bilden, zu der vor allem junge Musiker und Komponisten gehörten. Über dem Ganzen schwebte ein internationales Flair, in dem sich das Renommee der Ferienkurse bemerkbar machte. Internationalität war zudem ja auch der Anspruch des Festivals und er hat sich immer noch bewart. Musiker aus etwa 50 Nationen nahmen teil. Alles im allen steckte hinter dem persönlichen Darmstadt-Bild, das man sich durch die Literatur und Erzählungen machte, eine ganze Menge Verklärung und es war gut, dass der Besuch einen klareren Blick geliefert hat.

Doch nun zurück zu meinen Forschungsfragen. Wie relevant ist das Thema Politik tatsächlich in der (Neuen) Musik und findet bei den Ferienkursen wirklich ein Generationenwechsel statt?

 

Musik und Politik im „Excess“-Forum

Alle Lectures, die ich besucht habe (u. a. dass „Excess“-Panel, sowie die Vorträge von Georgina Born und Susanne Kirchmayr), haben viel über den außermusikalischen Rahmen preisgegeben und waren auch in der Hinsicht, wie in Darmstadt über Musik geredet wird, interessant. Etwas plakativ ausgedrückt hatten in den Diskussionen Namen wie Adorno oder Beethoven eine größere Resonanz als beispielsweise Musiker oder Denker mit einer aktuelleren Meinung. Ohne diesen beiden Vordenkern die Relevanz auszusprechen, war es doch erstaunlich mit anzusehen, wie lang ihre Paradigmen einen Diskurs prägen können. Im„Excess“-Panel drehte er sich um die Zusammenhänge von Philosophie, Musik und Politik. Die Suche und Definition von Wahrheit („Truth“) gestaltete sich dabei als schwierig, denn zu unterschiedlich waren die Vorstellungen der eingeladenen Personen. Und generell hatte man in diesen Diskussionsrunden nicht das Gefühl, viel Übereinstimmung unter den Beteiligten zu finden. Die Themen Musik und Politik lösten aber auch persönliche Konflikte aus. KomponistInnen wie Jennifer Walshe plädierten klar für eine Symbiose von Musik und Politik: Musik muss verstören und Fragen aufwerfen, sonst ist sie „wertlos“. Demnach ist ein Großteil produzierter Musik trivial? Dieses Totschlag-Argument warf Fragen auf: Wann ist Musik wert- und kunstvoll und ist meine bisherige Meinung über Musik durchdacht und erstrebenswert? Fragen, die einen in den Grundfesten erschütterten. Hiermit lässt sich vielleicht auch ein Aspekt meiner Fragestellung (Die Wechselwirkung von Gesellschaft und Musik) erklären. In einem melodramatischen Prolog zu seinem Beitrag beschwor Claus-Steffen Mahnkopf das aktuelle politische Chaos dieser Welt herauf. Einigen Diskussionsteilnehmern zufolge kann Musik da nicht unbeteiligt bleiben. Nachvollziehbar, aber ist es trotzdem nicht auch erlaubt, über Bäume zu reden (um das von der Komponistin Chaya Czernowin eingebrachte Brecht-Zitat aufzugreifen)?

 

Feminismus in der Neuen Musik

Ein weiteres wichtiges Thema der Lectures war „Feminismus in der Neuen Musik“. Die Musikerin Susanne Kirchmayr stellte in ihrem Vortrag das von ihr gegründete Online-Netzwerk „female:pressure“ vor. Hierfür werden Namen und Kontakte von Musikerinnen aus dem Bereich der elektronischen Musik gesammelt, um eine Plattform zu schaffen. Das Sichtbarmachen von weiblichen Musikern und Künstlern ist dabei das Hauptanliegen Kirchmayrs, das sich auch durch andere Veranstaltungen der Ferienkurse zog. Genauso wie die politische Komponente von Musik wurden feministische Aspekte allerdings nicht erst in dieser Ausgabe der Ferienkurse besprochen und versucht, den Teilnehmern nahe zu bringen. Im Jahrgang 2016 erfuhr die Beschäftigung damit aber sicherlich einen Höhepunkt.

 

2016 – Ein Generationenwechsel?

Von meiner Fragestellung ist noch der Aspekt des Generationenwechsels unter den Komponisten übrig. Besucht habe ich sechs Konzerte, die natürlich nur einen Ausschnitt des Programms darstellen können. Über der gesamten Veranstaltung schwebte das siebzigjährige Jubiläum der Ferienkurse, aber auch die zum Motte erhobene Frage „shall we attack the future or dig up the past?“ des Geigers Irvine Arditti. Die gegensätzlichen Erwartungshaltungen und die Problematik, welchen Hoheitsanspruch Komponisten der älteren Generation (und ihre Werke) haben, lösten die 48. Darmstädter Ferienkurse dann auch in zwei Richtungen auf. Mit dem Jubiläum war klar, dass auf die Vergangenheit verwiesen werden würde und sie Raum bekommen würde. Das Ausgraben der eigenen Geschichte schlug sich programmatisch in den „Rückspiegel“-Konzerten sowie in der Konzert-Installation „Archive Fever“ nieder. Die Aufführungen von John Cages „Concerto for Piano and Orchestra“ (als Teil der „Rückspiegel“-Reihe) und Karlheinz Stockhausens „Mikrophonie I“ wurden als wichtige Stationen der musikalischen Vergangenheit jeweils von einer Einführung begleitet, bei Cage erfolgte sie sogar in Form einer Lecture. Die Komponisten und ihre Werke waren dadurch leichter zugänglich und als relevant markiert. Im Gegensatz dazu gab es zu den neueren Kompositionen keine Einführungen, sondern lediglich kurze Programmhefttexte, die – wie sich bei den meisten Stücken im Nachhinein herausstellte – das klangliche Erlebnis nur unzureichend wiedergaben. Wirft man einen Blick auf das gesamte Programm, so stellt sich heraus, dass von 65 öffentlichen Konzerten und Performances siebzehn vor der Jahrtausendwende entstanden sind und von Komponisten wie Grisey, Nono, Lachenmann, Kagel, Stockhausen, Cage, Ferneyhough oder auch Wagner stammen. Der Rest stammt von jüngeren Komponisten, deren Stücke mehrheitlich in dem Zeitraum 2010–2016 entstanden sind. Quantitativ wurde der jungen Generation also mehr Platz eingeräumt, um (gemäß des Mottos) die Zukunft in Angriff zu nehmen.

 



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