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Towards a New Discipline? Politische Musik bei den Darmstädter Ferienkursen 2016.

09. August 2017 Timo Grimm Keine Kommentare

Zu den 48. Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt reiste ich als Mitglied einer Exkursionsgruppe des Instituts für Historische Musikwissenschaft an der Universität Hamburg. Im Mittelpunkt meines Forschungsinteresses stand dabei die Frage, auf welche Weise bei den Ferienkursen – ob im ästhetischen Diskurs über Musik oder im konkreten Komponieren und Performen von Musik – gesellschaftliche und politische Themen behandelt werden. Grundlage dieser Fragestellung war mein Vorurteil, bei den Ferienkursen ein elitäres Projekt, ein Szenetreffen eines exklusiven selbstreferentiellen Kreises von Experten vorzufinden. Vielleicht beruht das Desinteresse eines Großteils unserer Gesellschaft an Neuer Musik ja auf Gegenseitigkeit? Gerne wollte ich mich vom Gegenteil überzeugen lassen. Die folgenden Beobachtungen zeigen einen kleinen und subjektiven Ausschnitt des äußerst vielseitigen zweiwöchigen Programms der Darmstädter Ferienkurse, bei dem die Auseinandersetzung mit sozialen und politischen Themen innerhalb der Neuen Musik im Fokus steht.

 

Das Ende der Utopien und was bleibt – Patrick Franks Theorien zu moderner und postmoderner Kritik.

Vielleicht existiert es ja doch – das richtige Leben im falschen. Aber es gibt definitiv kein richtiges Darmstadt ohne Adorno. Kaum ein anderer Intellektueller hat den ästhetischen Diskurs in der Neuen Musik so geprägt wie er. Und auch 47 Jahre nach seinem Tod werden seine Theorien bei den Darmstädter Ferienkursen viel diskutiert. So auch am 4. August 2016 in Patrick Franks Vortrag zum Thema „Performative Affirmation“, in dem es um die Frage der Wirksamkeit von Kritik im Sinne von Gesellschaftskritik geht.

Es ist 10 Uhr morgens. Halb verschlafen, halb überfordert mit der Fülle an Fachtermini aus Soziologie und Philosophie frage ich mich, ob es die richtige Entscheidung war sich in diesen Vortrag zu setzen. Neben mir sitzt ein stämmiger Mann mit silbernen, zu einem Dutt zusammengeflochtenen Haaren und Kinnbart, die Arme ineinander verschränkt. Er schüttelt immer wieder den Kopf und rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her, als könne er die sich an den Vortrag anschließende Diskussion kaum erwarten. Der Gedanke, dass die Diskussion bestimmt noch spannend wird, vertreibt die Müdigkeit vorerst. Ich konzentriere mich auf den Vortrag.

In einem historischen Rückblick von der Moderne bis zur heutigen Zeit kommt Frank zu dem Schluss, dass Kritik ihre Wirksamkeit in der heutigen Gesellschaft weder durch Negation noch durch Revolution, sondern vielmehr durch Hyperaffirmation und Subversion entfalte. Eine These, die es zu überprüfen gilt, wurden doch die großen gesellschaftlichen Veränderungen seit Beginn der Moderne stets von der Negation des Status quo, Revolution und Utopie, der Idee von etwas Neuem und Besserem hervorgerufen. Nach Frank wurden ausgehend von der Utopie einer auf Freiheit, Gleichheit und Vernunft basierenden neuen Gesellschaftsordnung während der französischen Revolution alle Grundpfeiler der damaligen Gesellschaft negiert: der König und sein Ancien Regime, die geistige Vorherrschaft des Christentums, die Ungleichheit der Stände, usw. Die Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende historische Avantgarde in den Künsten bediente sich ebenfalls negativistischer Kritik und verneinte „die Institution Kunst als eine von der Gesellschaft abgehobene“.[1] Und auch die von Adorno maßgeblich mitbegründete Frankfurter Schule formulierte eine fundamental negativistische Gesellschaftskritik. Sein viel zitierter Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ ist, obwohl aus dem Zusammenhang gerissen und gewiss von Adorno so nie gemeint, zu einem Leitspruch und Sinnbild für eine kritische Haltung zur modernen kapitalistischen Gesellschaft.[2] Kunst darf sich Adorno zufolge weder von wirtschaftlichen Verwertungsinteressen noch politischer Ideologisierung vereinnahmen zu lassen, sondern muss abstrakt sein, das Konkrete negieren.[3] Ähnlich äußert sich Adorno in seinem Werk Die Philosophie der Neuen Musik:

Falsch ist der Untergang der Kunst in der falschen Ordnung, Ihre Wahrheit ist die Verneinung der Fügsamkeit, in welche ihr zentrales Prinzip, das des bruchlosen Stimmens, sie hineingetrieben hat. Solange die in Kategorien der Massenproduktion konstituierte Kunst zur Ideologie beiträgt und ihre Technik eine der Unterdrückung ist, hat jene andere, funktionslose ihre Funktion. Als unversöhntes Bild der Realität wird sie dieser inkommensurabel. Damit erhebt sie Einspruch gegen die Ungerechtigkeit des gerechten Richterspruchs.[4]

Negativistische Kritik auf der einen Seite, die Utopie als Möglichkeit auf der anderen: Frank zufolge waren beide Ideen vor allem in der Nachkriegszeit, der utopischen Phase bedeutsam.[5] Diese nahm ihr Ende 1989 mit dem Mauerfall, der das Ende der Sowjetunion und den endgültigen Siegeszug des Kapitalismus einläutete. Auf die utopische folgte die eutopische Phase:

Mit der „Eutopie“ (Idealgesellschaft) meine ich den Zeitraum zwischen dem 9.11.1989 – Mauerfall und vermeintliches Ende des ideologischen Kampfes West gegen Ost – und dem 11.9.2001, den Terroranschlägen in den USA. Obwohl Schlagwörter wie „Ende der Meta-Erzählungen“, „Ende der Geschichte“ oder „Ende der Utopien“ bereits einige Jahre vor der eutopischen Phase die Runde machten, widerspiegeln sie treffend den eutopischen Zeitgeist: Man wähnte sich nun „angekommen“, was sich auch in der Bezeichnung Post–moderne manifestierte.[6]

In der weitgehend utopielosen Gesellschaft der Postmoderne muss sich Kritik neu finden beziehungsweise neu erfinden. Ihre Wirkung entfaltet sie heute nicht durch bloße Negation, sondern durch Irritation, Zuspitzung, Umdeutung von bereits Bekannten. Sie ist konkret und perfomativ.[7] Als Beispiel führt Frank die „Gema-Aktion“ des Komponisten Johannes Kreidler an, der mit der Anmeldung von 70200 Fremdzitaten für ein 33 sekündiges Stück und der damit verbunden Einreichung von ebenso vielen Anmeldeformularen bei der GEMA die staatliche Urheberrechtspolitik ab absurdum führte.[8] Musikalisch umgesetzt wird hyperaffirmative Kritik überdies von Frank selbst in seiner “Theorieoper” Freiheit – Die Eutopische Gesellschaft, in der eine Gesellschaft kritisiert wird, die immer mehr von Quantitäten statt Qualitäten geprägt ist. Allerdings kann auch diese Strategie von Kritik falsch beziehungsweise gar nicht verstanden werden, wie die Kritik von Karsten Umlauf bei den Donaueschinger Musiktagen 2015 zeigt:

Liberte toujours, Freiheit statt Sozialismus und andere Slogans prangen auf Plakaten an den Wänden der Erich Kästner Turnhalle in Donaueschingen. Das Publikum sitzt an Biertischen, isst Brezeln und/oder lauscht einem klugen Live-Hörspiel zum Zusammenhang von Freiheit, christlicher Mission und politischer Ideologie, die Zuschauer können per Tablet live abstimmen, ob sie gelangweilt, ergriffen oder überfordert sind. Das wird als Statistik gleich auf Bildschirmen ausgewertet, genauso übrigens wie die Körpertemperaturen der Musiker oder die allgemeinen Toilettenbesuche. Theorie als Spektakel, da beißt sich die Dialektik in den Schwanz. Bei Performances auf Videoleinwänden, Vorträgen im Bierzelt auf der Wiese, zwischen Hochgeschwindigkeitsphilosophie und minionhaftem Gebrabbel steigt der Anteil der Gelangweilten und Überforderten. Das Projekt tut den Musiktagen in seiner Offenheit gut, auch wenn es das Gewicht verschiebt von der Avantgardewerkstatt zu einem Oktoberfest der Kunstmusik.“[9]

Franks Vortrag ist zu Ende. Überzeugt, dass hyperaffirmative Kritik wirkt, noch nicht wirklich überzeugt, dass negativistische, utopistische Kritik nicht mehr wirkt, warte ich auf die Diskussionsbeiträge. Schließlich steht mein Nachbar mit den silbernen Haaren auf.

 

Den schönen Schein zerstören: Dror Feiler über Noise Music und Aktivismus.

“My Name is Dror Feiler, I’m a composer, I’m activist. I have a certain problem with your lecture. But it’s not your lecture, it’s Darmstadt. It is extremly ethnocentric. The world is much bigger then that. If you listen to composers and if you see artistic strategies in other countries, then suddenly you realize that avant-gardism is alive, musical activism is alive. There is the possibility of direct effect of music on the real situation.”[10]

Diese Worte sind Balsam für jede Aktivistenseele. Man möchte auf der Stelle aufspringen und lauthals „Ja genau!“ rufen. Ich begnüge mich damit, Feiler nach einem Interview zu fragen. Wenig später sitzen wir auf Bänken im Hinterhof der Lichtenbergschule. In kürzester Zeit wird aus dem Interview eine offene Diskussionsrunde über die Institution Darmstadt. Dazu gibt es Anekdoten aus Feilers Leben als Komponist und politischer Aktivist. Zusammen mit einigen anderen Jung-Komponisten und Musikern lausche ich gespannt seinen Erzählungen. Er wäre überrascht gewesen, zum ersten Mal nach 20 Jahren wieder zu den Darmstädter Ferienkursen eingeladen zu werden. Mit dem schwedisch-jüdischen Komponisten Dror Feiler hat die Programmleitung einen Komponisten eingeladen, der vor allem politisch und geografisch über den Tellerrand der Neuen Musik schaut. Er gründete unter anderem die kulturpolitischen Institutionen „European Jews for a Just Peace“ (EJJP) und „Judar för israelisk-palestinsk fred“ (JIPF). Als Musiker und Aktivist setzt sich Feiler weltweit gegen Rassismus und Unterdrückung ein – und ist dabei schon viel herumgekommen: ob, als Crew-Mitglied eines Aktivistenschiffes der schwedischen Hilfsorganisation „Ship to Gaza“ oder im kolumbianischen Urwald, als Saxophonist, der ein Konzert für die FARC-Rebellen spielt („They called it the instrument that sounds like a horse“)[11].

Viele seiner Kompositionen wie Slå en röd kil i det vita blocket (Schlag einen Roten Keil in den Weißen Block, 1981–1984) für großes Orchester oder Låt miljonärerna gå nakna (Lasst die Millionäre nackt gehen, 1987) für vier elektrische Gitarren, zwei Drumsets und Tenorsaxofon tragen dieses politische Bewusstsein bereits in ihrem Titel. Musik, die solch ernste gesellschaftliche Themen behandelt, darf aus Feilers Sicht weder im konventionellen Sinne schön noch akademisch klingen: „[…] neither a pathetic World music prettiness, a pretentious new romantic resolution, nor new music academism has any place in those work of music.“[12] Feilers Stücke sind vor allem durch den Einsatz von Noise, nicht nur im Sinne von geräuschhaften, lärmenden, rauschenden sondern vor allem von „rauhen“ Klängen, geprägt, denen er eine konfrontierende, politisierende Wirkung zuschreibt:

„Noise, as sound out of its familiar context, is confrontational, affective and transformative. It has shock value, and defamiliarizes the listener who expects from music an easy fluency, a secure familiarity (it can be a „modern“ one), or any sort of mollification. Noise, that is, politicizes the aural environment.“[13] 

Neue Musik ist für Feiler kein Musikstil mit festgelegter Ästhetik, so dass er auch immer wieder mit Musikern außerhalb der Neue Musik-Szene zusammenarbeitet. Auch das ist eine politische Haltung.

 

Susanne Kirchmayr : Techno und Female Pressure in Darmstadt.

Auch die Programmleitung der Darmstädter Ferienkurse selbst schuf Raum für genreübergreifende Projekte. So leitete die Wiener Komponistin und DJane Susanne Kirchmayr einen Workshop zur Granular-Synthese. Kirchmayr alias Electric Indigo ist über die elektronische Musik zur Neuen Musik gekommen und ihre Musik ist in dem Sinne weniger politisch, als dass sie keine klaren politischen Inhalte transportiert. Politisch aktiv ist sie dennoch: Mit ihrer 1998 gegründeten Plattform „Female: Pressure“, einer Internetdatenbank für „weibliche DJs, Musikerinnen, Komponistinnen, Produzentinnen, bildende Künstlerinnen, Journalistinnen, Forscherinnen und Vermittlerinnen aus dem Bereich der elektronischen Musik und der digitalen Künste“, setzt sie sich dafür ein, dass diese in einer „scheinbar männerdominierten Szene“ stärker wahrgenommen werden und sich besser vernetzen können.[14] Das Klischee ist alt: Technik ist nur etwas für Männer, Frauen stehen als Sängerinnen hinter dem Mikrofon aber nicht im Club hinter den Turntables oder im Studio am Mischpult. „Female: Pressure“ räumt mit diesem Klischee auf: Frauen sind in der elektronischen Musikszene nicht untätiger, sondern werden einfach weniger wahrgenommen.[15]

Unter emanzipatorischen Gesichtspunkten betrachtet sind Susanne Kirchmayrs Kompositionen dann doch politisch: Die elektronischen Mittel zur Klangerzeugung und Synthese zeigen wie wandelbar, wie wenig festgelegt Klänge sind. Durch Granularsynthese können kleinste Mikrosamples zeitlich gedehnt werden und eine ganz andere klangliche Struktur erhalten. Und auch Tonhöhen von Samples lassen sich beliebig anpassen. In ihrer Komposition Chiffres, in der die von 30 Sprechern in 15 verschiedenen Sprachen und 34 verschiedenen Dialekten vorgetragenen Zahlen 1 bis 15 gesampelt und durch Granularsynthese verfremdet werden, lösen sich sowohl sprachliche als auch geschlechtliche Grenzen auf.[16] Am 2. August 2016 führte Kirchmayr zusammen mit den Teilnehmern ihres Workshops ihre aktuellste und ebenfalls auf granularer Synthese basierende Komposition 109.47 degrees auf.[17] In einem dunklen kleinen Aufführungsraum der Galerie Kurzweil mit hervorragender Akustik saßen die Teilnehmer des Workshops mit ihren leuchtenden Notebooks vor und zwischen dem Publikum. Die besondere Stimmung und Verbundenheit zwischen Publikum und Aufführenden, die während des Konzerts herrschte, lässt sich schwer in Worte fassen: Ich befand mich auf einer Art Gruppenexkursion durch Raum und Zeit, in der ich mich dennoch als absolut freies Individuum wahrnahm.

 

„Everything is important!“ Jennifer Walshe und ihr Manifest The New Discipline.

„Das ist es! Das wirkt!“, dachte ich mir nach der Uraufführung von Jennifer Walshes neuestem Stück Everything is important. Zwei Stunden zuvor befand sich das Publikum noch in Chaya Czernowins Klanglandschaft HIDDEN für Streichquartett und Live-Elektronik, einer „sehr langsamen Hörerfahrung“[18], bei der manchem Hörer die Müdigkeit durchaus anzusehen war. Bei Everything is important befindet sich der Hörer jedoch unter akustischem und visuellem Dauerbeschuss. Als „schnell, schrill, überladen, eine Reizüberflutung“, beschreibt eine Teilnehmerin der Schreibwerkstatt die multimediale Performance, die den Zuschauer vor allem durch die beeindruckende, auf die Bühnenleinwand projizierte Collage aus Bild- und Videosequenzen aus dem World Wide Web in ihren Bann zieht.[19] Walshe steht selbst auf der Bühne, singt, murmelt, schreit, tanzt – die Musik des Arditti Quartetts gerät dagegen eher in den Hintergrund. Der Überfluss an Allem, die Schnelllebigkeit, die hohe Frequenz an neuen Bildern, Videos, Wörtern, Sätzen, Klängen, die Wichtigkeit und gleichzeitig Belanglosigkeit von Allem: Everything is important ist ein Kaleidoskop unserer modernen Gesellschaft als Internetgesellschaft.

Walshe gehört zu einer Gruppe von Komponisten, Musikern und Performern, die – ganz einfach ausgedrückt – bei ihrer kreativen Arbeit aus dem Vollen schöpfen will, für die beim Komponieren und Aufführen von Musik nicht nur die auditive, sondern auch visuelle und performative Ebene bedeutend ist. „The New Discipline“ nennt Walshe diese Strömung oder besser gesagt „Arbeitsweise“ zu der sie neben sich selbst auch Steven Takasugi und Natasha Diels zählt, von denen bei den 48. Darmstädter Ferienkursen ebenfalls eine neue Komposition aufgeführt wurde. Bei dieser Arbeitsweise lernen und entwickeln Komponisten, Musiker und Performer neue Kompositions- und Performancetechniken im Team, der Komponist begibt sich dabei in die Rolle eines Regisseurs, performt zuweilen, wie im Falle Walshes, sogar selbst im Stück. Die Künstler der New Discipline setzen auf Experimentierfreudigkeit und eine Vielfalt der Mittel: „Composers working in this way draw on dance, theatre, film, video, visual art, installation, literature, stand-up comedy“.[20] Alles darf benutzt und in Musik, in Performance verwandelt werden. Auch darin steckt eine politische, im positiven Sinne anarchistische, libertäre Haltung.

 

Basisdemokratisches Komponieren? Das Ensemble Mocrep aus Chicago.

Besonders verkörpert diese Haltung das junge Ensemble Mocrep aus Chicago, das ebenfalls eng mit Takasugi und Walshe zusammenarbeitet. In Darmstadt erarbeitete Mocrep zusammen mit Takasugi und ausgewählten Kursteilnehmern in dem Workshop „Just Beyond Our Instruments Is The World“ ein Konzert, in dem auf die Benutzung bekannter Musikinstrumente verzichtet wird. „Gefundene Objekte, umgewandelte oder ‚gehackte‘ Instrumente oder sogar das völlige Fehlen von Instrumenten in Musik-Konzepten, die eher auf Bewegung und visuellen oder theatralen Praktiken beruhen“ kommen stattdessen zum Einsatz.[21]

Nach dem Besuch eines Konzerts im Open Space, bei dem auch einige Mitglieder des Mocrep-Ensembles spielten, komme ich mit dem jungen Musiker Zac (Zachary Good) ins Gespräch. Selbstverständlich könne ich ihnen bei der Werkstattarbeit über die Schulter gucken. Sie nehmen mich mit in ihren Proberaum in der Akademie für Tonkunst. Im Raum liegen diverse Gegenstände, teils einzeln, teils zu neuen „Instrumenten“ zusammengebaut. Viele der Gegenstände hätten sie auf der Straße gefunden, wie z. B. einen überdimensionaler Pappkarton, der mal als Verpackung eines Motorrads diente und jetzt die Funktion einer Schaukastenbühne übernimmt. In der Werkstatt arbeitet das Ensemble ohne feste Rollenverteilung mit jeweils einem Kursteilnehmer, einer Komponistin bzw. einem Komponisten ein Stück aus. Es ist beeindruckend zuzusehen, wie schnell eine Performance durch dieses gemeinsame, freie und spielerische Experimentieren und Improvisieren entsteht.

 

Side Show. Steven Takasugis universelle Vermittlung von Emotionen.

Es ist Freitagabend, der 5. August 2016. Trotz der späten Uhrzeit ist die Centralstation voll: Takasugis Sideshow für Ensemble und Elektronik wird gezeigt. Es basiert auf den grotesken Freak-Shows des frühen 20. Jahrhunderts im Vergnügungspark von Coney Island. Die Musiker des Talea-Ensembles spielen und performen das Stück mit ihren Instrumenten, ihren Körpern, Gestik und Mimik. Mitten im Stück sackt plötzlich der Gitarrenspieler, dessen Perfomance die anderen Musiker an Wildheit und Verrücktheit noch übertrifft, in sich zusammen. Er wird von den neben ihm sitzenden Musikern mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Die Performance geht weiter als wäre nichts passiert. Ein gelungener Trick, ein Schockmoment, der bei allen Hörern wirkt. Sideshow lädt, wie es treffend in der Programmbeschreibung formuliert ist, „alle Hörer ein, ungeachtet ihrer Herkunft und Erfahrungen, ein Gefühl von Verständnis und Teilhabe herbeizuführen.“[22]

 

Nur alle zwei Jahre finden die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt statt. Wer einmal da war weiß jedoch, dass der Input, das Gehörte, Gesehene, Gelernte viel länger als zwei Jahre vorhalten wird. Seien es Franks Analysen und Theorien zur Kritik, Feilers Gedanken über Aktivismus und politischen „Noise“, Kirchmayrs emanzipatorische Visionen in der elektronischen Musik oder die Komponisten, Musiker und Performer der „New Disciplin“, die durch Performativität, Intermedialität und Improvisation der Neuen Musik neue Ausdrucksmöglichkeiten und eine universelle, politische, dem Publikum zugewandte Sprache verleihen wollen. Die Darmstädter Ferienkurse sind mehr als ein exklusives elitäres Treffen der Neue Musik-Szene. Die Atmosphäre vor Ort war von Spontanität, Offenheit und einem Gefühl des gemeinsamen Arbeitens und Lernens geprägt. Nicht nur die Erschließung neuer Kompositions- und Aufführungspraktiken sondern auch die Rolle der Neuen Musik in der Gesellschaft wurde in Diskussionsforen, Workshops und auf der Bühne thematisiert. Den Organisatoren der 48. Darmstädter Ferienkurse ist damit die Umsetzung des Mottos „Attack the Future“ sehr überzeugend gelungen.

 

[1] Frank, Patrick: „Performative Affirmation“ (Vortrag), www.voicerepublic.com, https://voicerepublic.com/talks/performative-affirmation, 2016, zuletzt abgerufen am 18.10.16. Zitat Min. 12:50.

[2] Lesenswert ist Martin Mittelmeiers Analyse zu diesem Satz, der in Adornos Minima Moralia eigentlich eine viel banalere Bedeutung hat. Vgl. Mittelmeier, Martin: „Es gibt kein richtiges Sich-Ausstrecken in der falschen Badewanne. Wie Adornos berühmtester Satz wirklich lautet – ein Gang ins Archiv.“, www.recherche-online.net, http://www.recherche-online.net/theodor-adorno.html, 31.1.2010, zuletzt abgerufen am 18.10.16.

[3] Vgl. ebd. Min 15:30, sowie Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften, Band 7: Ästhetische Theorie, Frankfurt am Main 19966, S.53f.

[4] Adorno, Theodor W.: Philosophie der Neuen Musik, Mannheim, 1958, S.53f.

[5] Vgl. Frank,Patrick: Vortrag „Performative Affirmation“, Min. 19.

[6] Frank, Patrick: „Freiheit – die eutopische Gesellschaft, Version I“, www.swr.de, http://www.swr.de/swr-classic/donaueschinger-musiktage/programme/frank-patrick-freiheit-die-eutopische-gesellschaft-musik-performance-kulturtheorie/-/id=2136962/did=16164838/nid=2136962/1muyg2b/index.html, Stand: 16.9.2015, Zuletzt abgerufen am 18.10.16

[7] Vgl. Frank: Vortrag „Performative Affirmation“, Min. 27

[8] Vgl. Kreidler, Johannes, Product Placements. Musikstück / Aktion, 2008, www.kreidler-net.de, http://www.kreidler-net.de/productplacements.html, zuletzt abgerufen am 18.10.16

[9] Umlauf, Karsten: „Wenig Aufbruch, viel Abschied. Bilanz der Donaueschinger Musiktage 2015“, www.swr.de, http://www.swr.de/swr2/kultur-info/bilanz-der-donaueschinger-musiktage-2015-wenig-aufbruch-viel-abschied/-/id=9597116/did=16332998/nid=9597116/1wndiy7/index.html, 19.10.15, zuletzt abgerufen am 18.10.16

[10] Dror Feilers vollständiger Kommentar zu Franks Vortrag ist im Mitschnitt der Lecture enthalten. Vgl. Frank: Vortrag „Performative Affirmation“, Min. 71.

[11] Siehe hierzu die Arte Dokumentation über Dror Feiler und Blixa Bargeld im Magazin „Square“. www.arte.tv: „Square für Künstler“, http://www.arte.tv/guide/de/068779-000-A/square-fur-kunstler?country=DE, 14.9.2016, zuletzt abgerufen am 18.10.16.

[12] Feiler, Dror: „About my music and noise”, http://www.tochnit-aleph.com/drorfeiler/aboutmymusic.html, 1998, zuletzt abgerufen am 18.10.16.

[13] Ebd.

[14] Vgl. www.femalepressure.de, http://www.femalepressure.net/pressetext.html, zuletzt abgerufen am 18.10.16.

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. Kirchmayr, Susanne: Chiffres, 2012, https://soundcloud.com/indigo/chiffres-excerpt, zuletzt abgerufen am 18.10.16.

[17] Dies.: 109.47 degrees, 2014, https://soundcloud.com/indigo/10947-degrees-excerpt, zuletzt abgerufen am 18.10.16.

[18] http://www.internationales-musikinstitut.de/programm2016/318-02-08-2016/1825-extended-strings.html, 2016, zuletzt abgerufen am 18.10.16

[19] Vgl. Schmiedl, Friederike: “Gegensätze ziehen sich an”, www.internationales-musikistitut.de, http://www.internationales-musikinstitut.de/en/news/blog2016-en/2476-blog-gegensatze.html, 10.08.16, zuletzt abgerufen am 18.10.16.

[20] Walshe, Jennifer: „The New Discipline”, http://www.borealisfestival.no/2016/the-new-discipline-4/, 2016, zuletzt abgerufen am 18.10.16.

[21] Vgl. www.internationales-musikinstitut.de, http://www.internationales-musikinstitut.de/biographien.html, 2016, zuletzt abgerufen am 18.10.16.

[22] http://www.internationales-musikinstitut.de/programm2016/321-05-08-2016/1839-sideshow.html, 2016, zuletzt abgerufen am 18.10.16.

Einmal Neue Musik, zum mitnehmen bitte! – Auf der Suche nach der Aktualität Neuer Musik –

01. August 2016 Timo Grimm Keine Kommentare

von Timo Grimm

Wenn Musik Essen wäre, würden stereotype Ernährungsformen wohl folgendermaßen aussehen: am meisten gegessen, da an jeder Bahnstation und in jeder Fußgängerzone erhältlich: der aktuelle Mc-Chart-Hit. Schmeckt eigentlich immer wie der Mc-Chart-Hit der letzten Woche nur mit wechselnder Verpackung. Vollgestopft mit Geschmacksverstärkern, auto-tuned, bewirkt er bei einigen Konsumenten Brechreiz, bei den meisten jedoch schwere Suchterkrankungen oder zumindest das dumpfe Gefühl die wenigen noch verbliebenen Geschmacksnerven zu stimulieren. Bewusstere Konsumenten genießen von Zeit zu Zeit zum Frühstück einen Fairtrade-Kaffee der Marke „Get up, Stand up“: einfache, natürliche Zutaten, starke, zuweilen politisierende Wirkung. Irgendwo im verstaubten Plattenschrank verstecken sich bei dem einen oder anderen noch „St. Pepper’s Space Cookies“: Flower Power aus kontrolliert biologischen Anbau. Und ab und an gibt es, zu ganz besonderen Anlässen: Omas selbst gemachte Mozartkugeln: durchkomponiert, die Zutaten auf das Gramm genau ausgewogen, nach über 300 Jahre altem Familienrezept.

Soweit so bekannt. Doch wer verirrt sich in das nur alle 2 Jahre geöffnete internationale Restaurant für Neue Musik in Darmstadt? Nun, eigentlich niemand, abgesehen von ein paar verschrobenen Musikern, Komponisten, Musikjournalisten und Wissenschaftlern. Der Grund: die harte Kost. Zu schnell wäre die Frustrationsgrenze bei anderen Gästen erreicht. Mit altmodischen Besteck und Hörgewohnheiten ausgestattet ist es ihnen unmöglich, die mit Hilfe von Aleatorik, Sampling, Granularsynthese und Spektralanalyse gepressten Klangblöcke in einzelne verdauliche Happen zu zerkleinern. Die Kritiker und Wissenschaftler hingegen sind ganz in ihrem Element: mit speziellen Geräten untersuchen sie Struktur, Amplituden und Frequenzen der Komposition. Vielleicht erscheint im Anschluss eine Publikation zu einem Werk, die wiederum im Anschluss von drei oder vier Menschen wissbegierig verschlungen wird…

Ich breche an dieser Stelle ab, bevor ich mich in ein gefährliches Schubladendenken begebe, das besagt: Neue Musik sei nur etwas für Experten, Nerds oder andere weltfremde Elfenbeinturmbewohner. Beim Studieren des aktuellen Programms der Darmstädter Ferienkurse fielen mir in der Beschreibung von Dozenten und Workshops immer wieder Verbindungslinien zur Popkultur und -musik sowie zu politischen und gesellschaftlichen Themen auf. Diesen Verbindungslinien möchte ich nachgehen, um zu zeigen, dass Neue Musik nicht per se abstrakt sein muss und nur von Experten verstanden werden kann.

Meine Methode soll eine Mischung aus wissenschaftlichem und journalistischem Arbeiten sein. Wissenschaftlich möchte ich verschiedene Kompositionstechniken untersuchen und an geeigneten Stellen eine Analyse einzelner Kompositionen wagen. Journalistische Arbeitstechniken möchte ich dafür nutzen, um meinen Bericht interessanter und lebendiger zu gestalten. So habe ich vor, Interviews mit Komponisten zu führen und eventuell auch kurze Live-Aufnahmen bei Konzerten, in Workshops oder Foren zu machen. Besonders reizt mich der Gedanke, aus dem gesammelten Audiomaterial, den Interviews und Berichten eine Art Radiobeitrag für unseren Seminar-Blog zu erstellen. Die von Peter Meanwell geleitete Schreibwerkstatt könnte mir hierfür weitere Einblicke in Methoden und Herangehensweisen aus dem Bereich des Musikjournalismus geben.

Folgende Künstler und Events habe ich mir darüber hinaus vorgemerkt: Der jüdische Komponist, Künstler und Instrumentalist Dror Feiler setzt sich in- und außerhalb seines musikalischen Schaffens viel mit politischen Themen, gerade auch dem Israel-Palestina Konflikt auseinander. Im Rahmen des Kongresses Excess. Forum for Philosophy and Art wird er an der Diskussion über das Politische in der Musik teilnehmen. Vielleicht gelingt es mir im Anschluss daran, ihn für ein kurzes Interview zu gewinnen. Besonders viel Zeit und Aufmerksamkeit möchte ich dem Atelier Elektronik widmen, in dem Komponisten, die ihre Wurzeln in Techno, experimenteller, elektronischer oder auch elektroakustischer Musik haben, dozieren. Gerade die Künstler Phillip Sollmann und Susanne Kirchmayr sind stark von Techno und anderer populärer elektronischer Musik beeinflusst. Wie komponiert man an der Schnittstelle von Techno und Neuer Musik? Wie ist es möglich, „unterschiedliche Einflüsse wie Elektroakustische Musik, Minimal Music oder Drone ebenso wie Krautrock und verschiedene Ausprägungen von Techno zusammenzudenken“1? Auf welche Techniken, Instrumente und Programme kann der Komponist zurückgreifen? Was versteht man unter „Micro-Sampling“ undGranularer Synthese“? Susanne Kirchmayrs 1998 gegründete Deejane-Plattform female pressure zeigt außerdem, dass auch bei ihr Musik und politisches Engagement zusammen gehören.

Das Verschwimmen von Genregrenzen, der Einsatz moderner elektronischer Kompositionstechnik sowie das politische Engagement einiger Komponisten werden somit wichtige Themen meiner Arbeit über die Aktualität Neuer Musik im Programm der Darmstädter Ferienkurse sein. Vielleicht gelingt es mir sogar, durch das Aufzeigen von aktuellen Bezügen zu Popkultur und Gesellschaft den einen oder anderen Leser auf den Geschmack dieses bunten Potpourris namens „Neue Musik“ zu bringen.

Bon appétit!