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Gehört! Und gesehen?

01. August 2016 Maike Schuster Keine Kommentare

von Maike Schuster

 

Ist Musik (nur) Klang? Sind die Ohren das einzige, das der Zuschauer öffnen sollte? Oft mag das zutreffen zu – nicht aber bei Musiktheater: Tanztheater, Oper, Musikinstallationen, Musiknummern bei Schauspielstücken etc., denn die Werke werden neben der musikalischen durch die visuelle Ebene bestimmt. Auch Programmmusik und absolute Musik werden bei Gelegenheit bebildert. Und selbst einige Konzertbesucher kaufen gezielt einen Platz, von dem sie den Dirigenten oder bestimmte Solisten besser sehen und beobachten können.

Ist das Musizieren an sich schon ein performativer Akt? Bestimmt, aber es hat keine Handlung und ein meist filigranes „kleines“ Gestenrepertoire, ist also mitunter nicht „spektakulär“ genug für den Zuschauer. Im Tanztheater findet der Choreograph über den Tänzerkörper für fast jede Musik einen Ausdruck, der oft assoziativ ist. Bei den anderen genannten Formen ist es ähnlich: Der Musik werden Bilder, Räume, Subjekte, Handlung und Körper hinzugefügt; im selben Zuge ergeben sich zum Teil auch andere akustische und aufführungspraktische Änderungen. Video und Bildeinspielungen sind gängige Mittel, die bei Musikdarbietungen eingesetzt werden, und manchmal wird von den Musikern selbst gefordert, nicht nur Musik, sondern auch eine „Rolle“ zu spielen. Ebendies war bei den letzten Ferienkursen unter dem Titel „Performing Matters“ Thema.

Thomas Schäfer spricht in seinem Vorwort zum diesjährigen Kursprogramm von einem „erweiterten Musikbegriff“, der verwendet wird1. Des weiteren bemerkt der Komponist Johannes Kreidler an gleicher Stelle, dass Neue Musik ständig einer „Materialerweiterung“ bedarf. Musik benötigt also nicht nur einen inneren auskomponierten Raum durch die Interpreten und den Komponisten, sondern wird vermehrt erweitert um einen „äußeren aufführungspraktischen, performativen Raum“2 der durch Medien angereichert werden kann. Die 47. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik 2014 standen unter dem Motto der Performance. Wie sehr fließen die Erweiterungen in diesem Jahr in die Veranstaltungen ein? Wählen Komponisten ungewöhnliche Orte für die Aufführungen ihrer Werke? Geben sie szenische Anweisungen oder suchen nach einem Regisseur bzw. Ausstatter? Wie stehen die ausführenden Interpreten zu dieser Bewegung? Welche spielpraktischen Anweisungen geben die Komponisten? Wie weit wird den Musikern auch Bühnenpräsenz und szenische Spannung vermittelt? Weshalb streben Komponisten danach, dass Musik einen Körper bekommt oder warum gerade nicht? Dominieren abstrakte oder konkrete Formen? Wo steht das Modell der Oper und was bedeutet der Begriff des „Theaters“ in der Musik?

Diese und ähnliche Fragen werde ich mir und hoffentlich auch einigen Künstlern stellen können. Anhand des Programms habe ich aufführungstechnische Erwartungen, die es zu überprüfen gilt. Der Titel Music in the Expanded Field gibt dem diesjährigen Kursprogramm auf der Website der Ferienkurse den Namen. Ein erweiterter, ein ausgeweiteter oder auch aufgeblähter Begriff von Musik, der zu weiteren Überlegungen führt: Was bietet und beinhaltet dieses „mehr“? Durch welche Medien wird Musik angereichert? Und sind dann die Medien das „Neue“ oder die Musik? Oder erhoffen viele Komponisten ein Gesamtkunstwerk? Welche, welche nicht, wie sieht das aus und aus welchem Grund?

Wenn Anne Teresa De Keersmaeker das Festival eröffnet und Sasha Waltz es beschließt, haben die jungen KomponistInnen noch Platz zwischen den beiden Choreografinnen? Da in Ashley Fures Komposition „Opera for Objects“ keine Menschen im Mittelpunkt stehen, sondern Objekte, stellt sich die Frage: Wo ist das Subjekt momentan? Tritt es in der Masse zurück? Auch bei Romeo Castelluccis Inszenierung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach La Passione in den Hamburger Deichtorhallen in diesem Jahr wurden Objekte ausgestellt und beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel präsentierte Miet Warlop eine „Night of living objects“. Ein Trend?

Im Staatstheater Darmstadt begleitet ein Wettbewerb die Ferienkurse in diesem Jahr: Der Internationale Musiktheaterwettbewerb Darmstadt. Er soll jungen Komponisten die Möglichkeit einer Uraufführung an einem Staatstheater bieten und erfuhr große Resonanz: Es gab in diesem Jahr 150 Bewerber, von denen nun einige wenige die Möglichkeit erhalten, eine musiktheatrale Szene von 15 bis 20 Minuten Länge zur Aufführung zu bringen. Die Komponisten kommen aus verschiedenen Ländern und verfolgen sehr verschiedene Ästhetiken, einige berufen sich auf Elektronik, andere auf klassisches Handwerk, dass sie weiter entwickeln wollen.

Besonders interessieren mich neben den Studenten zwei Persönlichkeiten, die bei den Ferienkursen dozieren: David Helbich und Jennifer Walshe, die gemeinsam einen Workshop für Composer-Performer leiten. Helbich kreiert unermüdlich experimentelle Werke für die Bühne, für Print- und Online- Medien sowie den öffentlichen Raum. Er begreift das Publikum dabei nicht als Masse, sondern als Individuen. Dies zeigt sich z. B an seiner Komposition Earchestra, die nur die Ausführenden hören können.

Jennifer Walshe ist Komponistin, Interpretin und Performerin in Personalunion und tritt oft selbst auf. Ihre Arbeit ist aufgrund der Vielschichtigkeit schwer zu greifen und stellt für mich eine Herausforderung dar. Daneben haben weitere Kompositionsdozenten bereits musiktheatralisch gearbeitet und eine eigene Bühnenästhetik entwickelt (wie Lucia Ronchetti), sowie neue performative und räumliche Dimensionen erschlossen (wie Jorge Sánchez-Chiong). Es wird interessant sein zu verfolgen, wie sich die Studenten (auch quantitativ) zu den Ästhetiken verhalten und mit ihnen umgehen.

Während der Exkursion gilt es für mich, die Haltungen aller Beteiligten hinsichtlich des theatralen Aspekts der Musik zu erfassen. Ist Musik visuell und benötigt sie einen Körper?

 

1Vgl. Programm der Ferienkurse 2014, entnommen der Website http://www.internationales-musikinstitut.de am 03.06.16.

2Vgl. ebd.