Seminar-Blog

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Von Hamburg nach Darmstadt

01. August 2016 Florence Eller Keine Kommentare

Hamburg, Bibliothek des Instituts für Musikwissenschaft: Einige Teilnehmer werfen einen Blick in eine Partitur von Karlheinz Stockhausen und bereiten sich auf die Musik vor, die während der 48. Darmstädter Ferienkurse zu hören sein wird. Der Komponist war ab den 1950er Jahren eine prägende Figur der Avantgarde und seine Werke werden heute als zentral für die musikalischen Entwicklungen in der Nachkriegszeit beurteilt. Bei den diesjährigen Internationalen Ferienkursen für Neue Musik wird am 4. August seine Komposition Mikrophonie I aus dem Jahr 1964 erklingen. Die Rückspiegel-Konzerte bringen ebenfalls markante Werke aus der siebzigjährigen Geschichte der Darmstädter Ferienkurse zur Aufführung und vermitteln durch einen Vortrag zusätzlich den Entstehungskontext, die Kompositionstechnik und Ästhetik der Werke. Neben den Ur- und Erstaufführungen, die die aktuellen Strömungen präsentieren, wird damit auch die musikalische Vergangenheit des Festivals sinnlich erfahrbar.

Dass in Darmstadt jedes Mal aufs Neue Musikgeschichte zum Klingen gebracht wird, ist auch für MusikwissenschaftlerInnen ein besonderes Ereignis. In seinem angestammten Lebensraum, der Bibliothek, begegnet ihm Musik zunächst schriftlich festgehalten auf dem Papier. Zum Studium perfekt. Und doch auch wieder nicht ganz perfekt, denn das Notierte will als Symbol für Klingendes verstanden werden. Der Übersetzungsprozess ist bei Neuer Musik nicht immer leicht, so dass es in jedem Fall das Hörerlebnis einer Aufführung braucht. Der Weg aus der Bibliothek in den Konzertsaal, die Reise von Hamburg nach Darmstadt bedeutet daher die Verwandlung der Partitur in die ästhetische Erfahrung.

 

Die Programmgestaltung der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik

01. Juli 2016 Florence Eller Keine Kommentare

Wen lade ich ein? Welche Veranstaltungen biete ich an? Und welche Musik soll in den Konzerten erklingen? Diese Fragen schießen einem wohl als Leiter der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik bei der Planung durch den Kopf. Denn zu dessen Aufgaben gehört es nicht nur, die Ferienkurse zu organisieren, sondern sie auch künstlerisch zu verantworten. Fließen dadurch die Vorstellungen des Leiters zwar stark in die Gestaltung der Kurse ein, sind weitere, nicht unerhebliche Faktoren zu berücksichtigen: die Ideen der Teilnehmer, finanzielle Aspekte, der politisch-kulturelle Kontext und ab einem gewissen Zeitpunkt auch die eigene Geschichte. Seit nunmehr siebzig Jahren fließen all diese Elemente in der Programmplanung zusammen.

Wiedereinspeisen in den musikalischen Kreislauf – Wolfgang Steinecke (1946–1961)

Die politische und kulturelle Situation unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab für Wolfgang Steinecke den Impuls, im Sommer des Jahres 1946 Ferienkurse für internationale neue Musik zu veranstalten. 1910 in Essen geboren und nach seiner Promotion 1934 als Kulturjournalist tätig wurde, er 1945 vom Darmstädter Oberbürgermeister Ludwig Metzger als städtischer Kulturreferent eingesetzt. Als Reaktion auf die ideologische Kulturpolitik der Nationalsozialisten beabsichtigte Steinecke, „den lange unterbrochenen Zusammenhang zwischen der jungen deutschen Musikergeneration und der zeitgenössischen Musik wiederherzustellen“1. Er organisierte Unterricht in den Fächern Interpretation, Komposition und Musikkritik, sowie ein vielfältiges Vortrags- und Konzertprogramm für eine „umfassende Orientierung über die musikalische Weltlage“2. Programmatisch sollte in den Anfangsjahren der jungen Generation die aus Deutschland emigrierte oder verfemte Musik vermittelt werden. Steinecke griff dafür auf sein Personennetzwerk zurück und engagierte Wolfgang Fortner und Hermann Heiß als Kompositionsdozenten.3 Im Fokus der Aufmerksamkeit standen die Werke von Paul Hindemith, Igor Strawinsky, Arnold Schönberg und Béla Bartók. 1948 gelang des Steinecke erstmals, mit dem Franzosen René Leibowitz einen internationalen Dozenten zu gewinnen, der zugleich die intensive Rezeption der Zwölfton-Musik bei den Ferienkursen einläutete. Sie schlug sich in den Programmen der Folgejahre in Form des Zweiten Internationalen Zwölftonkongress (1951), eines Festivals mit der Kammermusik Arnold Schönbergs und Anton Weberns (1953), sowie einer Vorlesungsreihe Theodor W. Adornos über den jungen Schönberg (1955) nieder. Gleichzeitig bildeten die Ferienkurse neben der Vorkriegs-Moderne ein Forum für aktuelle musikalische Entwicklungen. 1950 wurde Edgard Varèse eingeladen und brachte mit den Technikern Robert Beyer und Werner Meyer-Eppler die elektronische Musik nach Darmstadt, 1958 wurde durch den Besuch John Cages die experimentelle Musik aus den USA präsent. Durch die Konzertreihe Musik der jungen Generation (1949–1957) sowie den Kranichsteiner Musikpreis (ab 1952) verfolgte Seinecke eine aktive Förderung des musikalischen Nachwuchses, die bald Früchte trug. Die junge Generation um Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono entwickelte ab 1953 eine starke Eigendynamik, organisierte Arbeitsgemeinschaften unter eigener Leitung und löste als musikalische Avantgarde Ende fünfziger Jahre ihre Lehrer als Dozenten ab.4

Konsolidierung und Schulbildung – Ernst Thomas (1962–1980)

Im Dezember 1961 verstarb Steinecke überraschend an den Folgen eines Verkehrsunfalls und Ernst Thomas übernahm die Leitung der Ferienkurse. Der 1916 in Darmstadt geborene Musikjournalist machte es sich zur Aufgabe, „auf dem Gebiet der Interpretation Neuer Musik Kontinuität zu wahren, die schulbildend wirken kann; auf dem Gebiet der Komposition der jungen Begabung zum Durchbruch zu verhelfen“5. Personell engte Thomas den Dozentenkreis stark ein und installierte ein stabiles Team. Während seiner Amtszeit schufen die Komponisten György Ligeti, Mauricio Kagel und Stockhausen – letztere waren in Köln ansässig – Kontinuität und bei den Instrumentaldozenten dominierten mit Aloys Kontarsky (Klavier), Siegfried Palm (Cello) und Christoph Caskel (Schlagzeug) weitere Kölner. Erst ab 1976 wurden die Ferienkurse in dieser Hinsicht wieder internationaler, indem Brian Ferneyhough aus England sowie Tristan Murail und Gérard Grisey aus Frankreich als Dozenten wirkten und einen erneuten Generationswechsel einläuteten. Thomas veränderte den Kompositionsunterricht zudem strukturell und unterteilte ihn in die Elemente Kurs/Studio, Analyse und Elektronik. Um die drängenden Themen der zeitgenössischen Musik intellektuell zu verhandeln, wurden 1964 und 1965 Kongresse zu den Themen „Musik und Notation“ sowie „Form“ veranstaltet. Angesteckt von den Studentenprotesten fanden 1970 unter der Federführung Stockhausens Teilnehmerversammlungen statt, die Informationsdefizite benannten und eine offenere Programmgestaltung forderten. Als Reaktion auf diese revolutionäre Energie stellte Thomas die Ferienkurse vom ein- auf den zweijährigen Turnus um und richtete einen Programmbeirat ein. Er bestand, wenig überraschend, aus den Kölnern Kontarsky, Palm und Caskel.6

Internationales Forum – Friedrich Hommel (1982–1994)

Thomas Nachfolger, der 1929 in Würzburg geborene Musikjournalist Friedrich Hommel, verfolgte ab 1981 in Vielem eine geradezu konträre Programmplanung. Statt der Kompositionskurse wurden ab 1982 Ateliers und Lectures angeboten, die nicht nur den eingeladenen Dozenten, sondern allen Teilnehmern offen standen. Mit Beginn seiner Amtszeit setzte Hommel auch in puncto Internationalität Akzente, indem er das Ensemble l’Itinéraire aus Frankreich einlud und einen Schwerpunkt auf die Musik des Italieners Giacinto Scelsi legte. Bei den Instrumentalkursen bezog er die Bläser stärker mit ein und gewann in allen Fächern international renommierte Interpreten wie Irvine Arditti (Violine), Roger Heaton (Klarinette), James Wood (Percussion) und Rohan de Saram (Cello) aus Großbritannien, Nora Post (Oboe) aus den USA, Pierre-Yves Artaud (Flöte) aus Frankreich sowie Herbert Henck (Klavier) und Markus Stockhausen (Trompete) aus Deutschland als Dozenten. Hommel knüpfte programmatisch an seinen Vor-Vorgänger an, indem er 1992 John Cage zu den Ferienkursen einlud und nach langen Jahren die Verbindungen in die USA wieder aufgriff. Bildeten die Ferienkurse unter seiner Ägide in musikalischer Hinsicht ein Forum des internationalen Austausches, sollte auch die Reflexion der verschiedenen Strömungen ihren Platz erhalten. Von 1990 bis 1994 veranstalteten Ulrich Mosch und Gianmario Borio die Aesthetics colloquia und Hommel formulierte es rückblickend als seinen Anspruch,

„innerhalb des rundum immer konturenärmer werdenden ‚pluralistischen‘ Horizonts Denkmodelle zur Diskussion zu stellen, wie sie Kursteilnehmer – Mißlingen hin, Vergeblichkeit her – seit eh und je in Darmstadt vorzufinden gewohnt sind“.7

Innerhalb diese pluralen Diskurses bildete der Komponist Brian Ferneyhough seit der Ära Thomas eine auffällige Konstante. Er entwickelte sich unter Hommel zu einer Art grauen Eminenz und prägte mit seiner Ästhetik neben der internationalen Öffnung seine Programmgestaltung.8

Schaltstelle Darmstadt – Solf Schaefer (1995–2008)

Eine solch starke Präsenz eines einzelnen Komponisten stellt bei einem Leitungswechsel gewiss eine Herausforderung dar. Hommels Nachfolger, der 1948 in Bremen geborene Musikjournalist Solf Schaefer, verhielt sich in seiner Dozentenauswahl diplomatisch. Ab seiner Amtsübernahme bildeten Ferneyhough und Helmut Lachenmann zwar weiterhin Konstanten, doch strebte Schaefer personelle Diversität an. Er lud Komponisten völlig unterschiedlicher ästhetischer Ausrichtung ein und holte bei den Ferienkursen wenig oder nicht mehr präsente Figuren in den Kreis zurück, wie 1996 Nam Jun Paik und Stockhausen. Schaefer verstand die Darmstädter Ferienkurse als „Schaltstelle“, als „Ort, an dem alles gesprächsweise vertieft“ und den Dingen auf den Grund gegangen werden kann9. Um die Vielfalt aktueller Musikproduktion zu präsentieren, setzte er in den Konzerten statt der Klassiker der fünfziger und sechziger Jahre überwiegend Werke der unmittelbaren Vergangenheit aufs Programm. Auch bei der Reflexion über Musik setzte sich Schaefer von seinem Vorgänger ab, statt der ästhetischen Kolloquien wurden 2004 und 2008 erneut Symposien veranstaltet (zu den Themen „Radio-Phonien“ und „Neue Musik und Interpretation“).10 Im Zuge dieser programmatischen Neuorientierung wertete Schaefer die Interpretation gegenüber der Komposition auf. 1996 wurde zum ersten Mal seit 1959 ein Dirigierkurs angeboten, außerdem gewann er während seiner Amtszeit alle namhaften Ensembles Neuer Musik als ständige Dozenten oder Interpreten. Im Sinne einer Schaltstelle zwischen den Generationen führte Schaefer bei den Lectures die Rubrik next generation, in der sich der kompositorische Nachwuchs öffentlichkeitswirksam präsentieren konnte.

Vernetzung der Aktivitäten – Thomas Schäfer (ab 2009)

Die „Schaltstelle Darmstadt“ denkt der aktuelle Leiter der Ferienkurse Thomas Schäfer weiter zum „Netzwerk Darmstadt“. Der 1967 in Hamburg geborene Musikwissenschaftler und -journalist übernahm 2009 die Leitung und begreift die Ferienkurse als Ort,

„an dem sich alle zwei Jahre Komponisten, Interpreten, Theoretiker – im Grunde alle, die daran interessiert sind, über die Musik unserer Zeit nachzudenken – zwei Wochen lang treffen (können) und ohne ideologische Einschränkungen ins Gespräch kommen, sich austauschen, Erfahrungen sammeln, Kontroversen austragen, proben, lernen, gemeinsam arbeiten“.11

In seiner Programmgestaltung zielt Schäfer auf die Vernetzung der musikalischen Aktivitäten interpretieren – komponieren – reflektieren. Er schafft dafür neue Formate wie den open space, der allen Teilnehmern zur gemeinsamen Nutzung und zum informellen Erfahrungsaustausch offen steht, sowie Workshops, die Interpreten und Komponisten produktiv zusammenbringen (z. B. Cello Piano Composition in diesem Jahr). Um auch das Reflektieren und Sprechen über zeitgenössische Musik in der Kursarbeit zu verankern, werden Analysekurse und eine Schreibwerkstatt für den journalistischen Nachwuchs angeboten. Das Projekt Ensemble 2010 (bzw. Jahrezahl des jeweiligen Ferienkursjahrgangs) wendet sich an junge Ensembles der Neuen Musik und bietet ihnen durch Vernetzung ein Sprungbrett in das professionelle Konzertleben. Die Ateliers zur Elektronik, Musiktheater und Performance-Projekte lassen unterschiedliche, zum Teil nicht akademische musikalische Strömungen sichtbar werden und sollen die Bandbreite der aktuellen Musikproduktion spiegeln. Strebt Schäfer durch die strukturelle Neugestaltung des Programms die Verbindung der musikalischen Aktivitäten in der Gegenwart an, wirft er gleichzeitig seine Netze in die Vergangenheit aus. 2012 bildete die Beschäftigung mit John Cage im kursübergreifenden Projekt How to perform John Cage einen Schwerpunkt, in diesem Jahr werden durch die Rückspiegel-Veranstaltungen von Ulrich Mosch wichtige Kammermusik-Werke der letzten Jahrzehnte beleuchtet und aufgeführt.12

Wissensvermittler, Schule, internationaler Begegnungsort, Schaltstelle, Netzwerk – die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik zeigen unter ihren Leitern unterschiedliche Gesichter. Wer eingeladen wird, welche Musik aufgeführt wird und was angeboten wird, wandelt sich stetig und bildet eine Reaktion auf die gegenwärtige Situation. In dieser Fähigkeit, die Programmgestaltung innovativ weiterzuführen, statt in festen Strukturen zu verharren, liegt sicher ein Schlüssel zum siebzigjährigen Bestehen der Darmstädter Ferienkurse. Denn sind musikalische Entwicklungen selbst nicht planbar oder vorhersehbar, bieten ihnen Strukturen wie die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik ein Forum – und begünstigen sie im Idealfall.

1Wolfgang Steinecke: „Drei Jahre Kranichstein“ (1948), zit. nach: Musik- Konzepte. Internationale Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt – Dokumente I, hgg. von Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn, München 1999, S. 26–27, hier S. 26.

2Wolfgang Steinecke: : „Kranichstein: Geschichte, Idee, Ergebnisse“, in: Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik 4 (1961), S. 9–24, hier S. 10.

3Michael Custodis: „Westliche Kontinuität: Musikwissenschaftliche Expertennetzwerke vor und nach 1945“, in: Österreichische Musikzeitschrift 67/4 (2012), S. 41–47, hier S. 44–46.

4Vgl. Gianmario Borio und Hermann Danuser (Hgg): Im Zenit der Moderne. Die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt 1946–1966, Freiburg 1997, Bd. 3, S. 513ff.

5Ernst Thomas: „Vorwort“, in: Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik 18 (1980), S. 7.

6Vgl. die Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik 4–18 (1961–1980).

7Hommel: „Vorwort – Wort des Dankes“, in: Ästhetik und Komposition. Zur Aktualität der Darmstädter Ferienkursarbeit (Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik 20), Darmstadt 1994, S. 6.

8Reinhard Oehlschlägel: „Kontinuität des Auf und Ab : eine kurze Geschichte der Darmstädter Ferienkurse“, in: Neue Zeitschrift für Musik 171/3 (2010), S. 28–31, hier S. 30.

9Friedrich Spangemacher: „Genau: Darmstadt als Schaltstelle. Ein Gespräch mit Solf Schäfer“, in: Neue Zeitschrift für Musik 157/3 (1996), S. 20–23, hier S. 23.

10Hanno Ehrler: „radio-phonien. Die 42. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt“, in: Neue Zeitschrift für Musik 165/6 (2004), S. 71, Marius Volz: „Erweiterung des Diskurses. Solf Schäfer verabschiedet sich mit den 44. Darmstädter Ferienkurse für Neue Muik“, in: Neue Zeitschrift für Musik 169/5 (2008), S. 66–67.

11Rolf W. Stoll: „Nachdenken über Neue Musik. Das Internationale Musikinstitut Darmstadt vor dem Neustart. Rolf W. Stoll im Gespräch mit Thomas Schäfer“, in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/3, S. 32–35, hier S. 32.

12Vgl. die Programmhefte zu den Ferienkursjahrgängen 2010 bis 2014 sowie das Online-Programm für dieses Jahr unter http://www.internationales-musikinstitut.de/ferienkurse.html.