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Alles beim Alten in der Neuen Musik?

27. Juli 2016 Marcus Buehler Keine Kommentare

Von Marcus Bühler

 

Wo steht die Neue Musik im Jahre 2016? Diese Frage soll zentral für meinen Besuch der 48. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik sein. Aus dieser einen Frage ergibt sich für mich ein ganzer Fragenkomplex: Welche Personen und Aspekte bestimmen die moderne Ästhetik? Welche kompositorischen Techniken und Herangehensweisen werden mit welchen Intentionen diskutiert und verfochten? Welche Zusammenschlüsse mit anderen Teilgebieten von Kunst oder nicht-künstlerischen Elementen werden erprobt? Kann die Avantgarde heutzutage noch avantgardistisch sein, oder wurden alle Ansätze schon einmal durchgespielt?

Schaut man sich das diesjährige Konzert-Programm an, so stellt man fest, dass die Neue Musik zumindest in sich gefestigt scheint. Komponisten wie Karlheinz Stockhausen, Luigi Nono, Helmut Lachenmann und John Cage, von denen allesamt Stücke aufgeführt werden, sind längst zu einem eigenen Kanon der avantgardistischen Musik verschmolzen. Er ist allerdings nur das vermeintliche Fundament von dem, was Neue Musik umfasst. Es ist sicher spannend zu untersuchen, wie viel Relevanz dieser „Kanon“ heute noch hat und ob die alteingesessenen Komponisten eine viel größere Rolle spielen als junge Innovatoren. Nachdem mehrere Generationen junger Komponisten auf den Errungenschaften der 50er und 60er Jahren aufgebaut sowie sich über Konventionen und ästhetische Vorstellungen hinweggesetzt haben, könnte sich ein weiterer „Generationswechsel“ anbahnen, oder vielleicht schon vollzogen haben. In den Workshops des Komponisten Steven Kazuo Takasugi und des Ensembles Mocrep wird zum Beispiel die Überwindung der klassischen Instrumentennutzung bis hin zum Musizieren bei völliger Abwesenheit von Instrumenten diskutiert und erarbeitet. Doch wie viel Bedeutung hat dieser Ansatz gegenüber einem abendlichen Konzertprogramm, das mit den bereits genannten Größen der Neuen Musik gespickt ist?

Moderne Ästhetik ist ein durchaus streitbarer Begriff. Dies mag unter anderem daran liegen, dass sich die Ideen und die aus ihnen entstandenen musikalischen Strömungen so ausdifferenziert haben, dass es mitunter schwierig sein kann, einen einheitlichen Begriff herauszuarbeiten. Der eine legt ein Augenmerk auf die Symbiose von Performance und Musik, der andere reißt die sich reproduzierenden Grenzen von U- und E-Musik ein. Dementsprechend wird es von Vorteil sein, sich mit einzelnen musikalischen Phänomenen während des Festivals zu beschäftigen. Die zeitgenössische elektronische Musik soll hierbei im Vordergrund stehen und anhand des Workshops Atelier Elektronik auf ihre Arbeitsweise hin untersucht werden. Im Fokus dieser Veranstaltung stehen Kompositionstechniken verschiedener Künstler, sowie die Verbindung von instrumentaler und elektronischer Musik. Als Gegenstück dazu ist auch zu untersuchen, wie es um die traditionellen Instrumente und ihre musikalische Praxis anno 2016 bestellt ist.

Wichtig für die Betrachtung von Musik und ihren zeitgenössischen Stand ist es, sie – im Sinne einer holistischen Betrachtungsweise – im Kontext anderer Disziplinen und als Spiegelbild der Gesellschaft (oder andersherum) zu untersuchen. Hilfreich hierfür werden die Veranstaltungen EXCESS. Forum for philosophy and art und Kritik sein. Erstere beschäftigt sich mit dem wieder erstarkenden Interesse der Philosophie an der Musik. Im Rahmen dieses Diskussionsforums wird sicherlich auch die Beleuchtung der Neuen Musik als isolierte Kunstform innerhalb der Musik interessant sein. Kritik wird sich mit der Frage nach dem gesellschaftskritischen bzw. politischen Potential Neuer Musik auseinandersetzen und so noch einmal eine andere Blickrichtung auf die Frage, was Neue Musik im Jahre 2016 ist, bieten.

Avantgardistisch zu sein heißt: immer wieder alles über den Haufen zu werfen, zu hinterfragen, sich abzugrenzen – auch von Stockhausen, Nono, Lachenmann und Cage, die sich aktuell einen Weg in die Hörgewohnheiten bahnen. Natürlich ist dies ein langer Prozess, der vom zeitgenössischen Konzertleben auch nur halbherzig am Laufen gehalten wird. Die Programme sind immer noch fest in der Hand der klassisch-romantischen Repertoire-Tradition. Diese Reproduktion hat natürlich ihre Berechtigung, doch kann man ihr Biedermeierlichkeit vorwerfen, wie es Wolfgang Rihm 1978 bei den Darmstädter Ferienkursen tat. In ihr stecke der Wunsch nach Sicherheit, nach Gewissheit, dass alles beim Alten bleibt[1]. (Ein Thema im Übrigen, das in den letzten Jahren stark an Relevanz gewonnen hat und sich natürlich auch auf kultureller Ebene manifestiert.)

Dass es aber auch eine andere Seite gibt, lässt sich zum Beispiel in Hamburg beobachten. Das Ensemble Resonanz, das sich in den 90er Jahren gründete und 2002 in die Hansestadt kam, ist ein fester Bestandteil der klassischen Konzertszene geworden. Veranstaltungen wie Blurred Edges oder Greatest Hits etablieren ebenfalls Neue Musik. Präsentiert wird sie als junge Musik, was man unter anderem daran sehen kann, dass die beiden erwähnten Konzertreihen als Festivals deklariert werden. Festivalartige Züge tragen auch die Darmstädter Ferienkurse trotz ihrer bereits siebzigjährigen Tradition, indem sie jedes Mal aufs Neue junge und avantgardistische Wege aufzeigen.


[1] Vgl. Wolfgang Rihm: Offene Enden – Denkbewegungen um und durch Musik (= Edition Akzente, hg. v. Ulrich Mosch), München 2002, S. 21.



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