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„Revolution und Evolution“! ‒ Über das „Internationale Musikinstitut Darmstadt“ und die „Internationalen Ferienkurse für Neue Musik“

04. Juli 2016 Tobias Knickmann Keine Kommentare

von Tobias Knickmann

 

 I. Entstehungs- und Institutsgeschichte

Als „das früheste Signal der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts“[1] galt der Beginn der 1. Kammersymphonie Arnold Schönbergs bei den ersten (damals noch) „Ferienkursen für internationale neue Musik“ in Darmstadt 1946[2] und sollte nichts weniger als eine Zeitenwende einläuten. International und neu – die nazistische Kulturpolitik des Hitler-Regimes, die auf national-funktionale Musik setzte und alle ‚Neutöner‘ als ‚Kulturbolschewisten‘ verstummen ließ, sollte der in Darmstadt angestrebte Paradigmenwechsel ein für alle Mal als vergangen markieren.

Bis Wolfgang Steinecke, seit August 1945 Kulturreferent der Stadt Darmstadt,[3] seine Idee eines internationalen musikalischen Austauschs institutionalisieren konnte, vergingen weitere Jahre. Erstmals 1948 richtete sein, durch Mithilfe von unter anderem Rolf Liebermann[4] neugegründetes „Internationales Musikinstitut Darmstadt“ (IMD) offiziell die Ferienkurse aus. Da die hessische Stadt noch weitgehend in Trümmern lag, wichen die Organisatoren auf das nahegelegene Schloss Kranichstein als Veranstaltungsort aus.[5] Bereits zwölf Monate später, gerade als Kranichstein dem neuen Namen des Instituts Pate gestanden hatte, zogen die Kurse auf das Seminar Marienhöhe um. Auch die folgenden Jahre waren gekennzeichnet durch eine recht unstete Konsolidierungsphase, in der sich das IMD gegen aufkommende Konkurrenz wie der „Internationalen Woche Neuer Musik“ in Frankfurt, die der spätere Hessische Rundfunk veranstaltete, sowie gegen allzu knappe Kulturbudgets behaupten musste. So konnte Steinecke aus finanziellen Gründen nach 1948 erst 1952 wieder hauptamtlich tätig sein. In der Zwischenzeit – so der Leiter des IMD in der Retrospektive – habe die erste Phase der Kurse, die der Bekanntmachung von Komponisten wie beispielsweise Schönberg, Strawinsky, Bartók und Hindemith galt, die NS-Deutschland ihres Podiums beraubt hatte, abgeschlossen werden können. Damit sei die junge Generation auf einen aktuellen Wissenstand gebracht worden und man habe die zweite Phase einleiten können. Diese habe aus einer Fokussierung auf das Spätwerk Schönbergs bestanden und zudem jüngere Komponisten wie Varèse, Webern und Messiaen auf die Veranstaltungspläne gebracht.[6]

Tatsächlich schienen sich das IMD und die Ferienkurse Anfang der 1950er zunehmend zu etablieren: 1952 wurde erstmals der „Kranichsteiner Musikpreis“ auf dem Gebiet herausragender Interpretation verliehen. Steinecke gelang es durch sein Talent als Netzwerker, viele Radiosender wie den Hessischen sowie den Südwestdeutschen Rundfunk dauerhaft als Plattformen für Darmstädter Konzerte zu gewinnen.[7] Zudem wurden nicht nur die Musik, sondern auch die Teilnehmer immer internationaler; unter den Dozenten befanden sich zunehmend ausländische Komponisten wie Varèse und Messiaen. Der Serialismus machte Schule: Komponisten wie Nono, Stockhausen oder Boulez konnten sich auch aufgrund ihrer Partizipation in Darmstadt weltweit einen Namen machen. Bis 1961, dem Todesjahr Steineckes, entwickelten sich die Kurse also zu einer der führenden Institutionen der internationalen Musik-Avantgarde ‒ eine Entwicklung, die Steineckes Nachfolger Ernst Thomas als Institutsleiter am nun wieder rückbenannten IMD weiterführen sollte. Seit 1972 fanden die Kurse zwar nur noch allzweijährlich statt, dafür verliehen die Veranstalter erstmals auch einen Preis für herausragende Komposition. 1981 löste Friedrich Hommel Thomas als Leiter ab, 1995 übernahm Solf Schaefer den Posten, an dessen Stelle 2009 Thomas Schäfer trat.

 

II. Aufgaben und Zielstellungen

„Veranstalter und Netzwerk, Dokumentations- und Informationszentrum, Schaltstelle und Impulsgeber für die zeitgenössische Musik seit 1946 – das ist das Internationale Musikinstitut Darmstadt“.[8] Seit nunmehr 70 Jahren geht das IMD seiner Kernaufgabe, der Veranstaltung der Ferienkurse, nach. An deren zentralen Arbeitsbereichen hat sich über die Zeit allerdings wenig geändert, wie Wolfgang Steineckes Worte von 1961 verdeutlichen:

„Der innere Kreis der Seminare, in denen Kompositions- und Interpretationsfragen der Neuen Musik erarbeitet werden; der Kreis der halböffentlichen Studioveranstaltungen, die durch Vorführung und Analyse neuer Kompositionen, durch Information über neue Entwicklungen und durch Kommentare zu neuen Phänomenen die gegenwärtige Situation bewußt machen sollen, und schließlich drittens der äußere Kreis der öffentlichen Konzerte und Aufführungen, die nicht nur die fachlich Interessierten, sondern auch das breitere Publikum mit wichtigen neuen Werken bekannt machen wollen.“[9]

Über die Kurse hinaus sieht sich das IMD in der Pflicht, zu jedem Zeitpunkt Wissensdurstigen dauerhaft einen Zugriff auf (Abhandlungen zu) Neue(r) Musik bieten zu können. Dementsprechend übernahm es in den 1980ern gerne die Aufgaben der Verwaltung des (deutschen) Archivs der „Internationalen Gesellschaft für Neue Musik“ (IGNM) und des Sekretariats „International Jazz Federation“. Zudem verfügte das Institut von Beginn an über eine Bibliothek. Heute befinden sich in ihr ganze „40.000 Partituren, Programmhefte, Fachbücher, Anthologien, Lexika, laufende Musik- und Fachzeitschriften und eine umfassende Schallplatten- und CD-Sammlung“,[10] darunter auch die seit 1958 erscheinende institutseigene Schriftenreihe Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik. Das angeschlossene institutseigene Archiv biete zudem eine Reihe historischer Unikate. Wer jedoch glaubt, vor verstaubten Artefakten und am Ende einer abgeschlossenen Entwicklung zu stehen, ist weit gefehlt: Zum Selbstverständnis des IMD zählt neben Erhaltung und Dokumentation, neben der Vermittlung praktischen und theoretischen Inputs, neben Internationalität und Austausch seit jeher genauso das Experiment, dessen genauer Ausgang offen bleibt und bleiben soll. Ziel ist es, den wechselnden Fluss der Entwicklungen einzufangen, um der stetigen musikalischen Erneuerung auf die Spur zu kommen:[11] „Revolution und Evolution“! – danach klinge schließlich schon der Beginn der Schönbergʼschen Kammersymphonie.[12]

 

 III. Appendix[13]

A. Zeittafel über die Entwicklungsgeschichte des IMD

1946 Veranstaltung der ersten „Internationalen Ferienkurse für neue [!] Musik“ auf Schloss Kranichstein
1948 Gründung des „Internationalen Musikinstituts Darmstadt“ (IDM) v. a. durch Wolfgang Steinecke (fortan Leiter des IDM). Hauptziel: Schaffung einer institutionellen Basis für die Veranstaltung der Ferienkurse
1949 Umbenennung des IDM in „Kranichsteiner Musikinstitut“ und Übernahme des Sekretariats der wieder gegründeten deutschen Sektion der „Internationalen Gesellschaft für Neue Musik“ (IGNM)
1952 Verleihung des ersten „Kranichsteiner Musikpreises“ für die Interpretation Neuer Musik
1958 Erster Band der Schriftenreihe Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik
1959 Gründung des „Internationalen Kranichsteiner Kammerensembles“
1962 Ernst Thomas übernimmt Leitung des Instituts. Damit einher geht die Rückbenennung zu IDM
1971 Erstmals seit 1946 keine Veranstaltung von Ferienkursen, da ab 1972 im zwei-jährlichen Turnus
1972 Verleihung des ersten „Kranichsteiner Musikpreises“ für die Komposition Neuer Musik. Wilhelm Schlüter übernimmt die organisatorische Leitung der Ferienkurse
1981 Friedrich Hommel übernimmt Leitung des IMD und der Ferienkurse
1984 Gründung des „Internationalen Jazz Zentrums“ in Darmstadt nach dem Vorschlag Friedrich Hommels mit der Verwaltung beim IMD
1985 IMD wird Sekretariat der „International Jazz Federation“ und übernimmt Verantwortung für das Archiv der IGNM
1990 Entlastung des IMD durch die Gründung des „Jazz-Instituts Darmstadt“
1995 Solf Schaefer übernimmt Leitung des IMD
2009 Thomas Schäfer übernimmt Leitung des IMD sowie der Ferienkurse

 

B. Veranstaltungsorte der Ferienkurse bis 1972

1946–1948 Schloss Kranichstein
1949–1957, 1960, 1962–1965 Seminar Marienhöhe
1958 Schloss Heiligenberg, Jugendheim
1959, 1961 Studentenheim in der Dieburger Straße 234
1966–1970 Justus-Liebig-Haus
1972–? Georg-Büchner-Schule

 

 

[1]     Wolfgang Steinecke: „Kranichstein: Geschichte, Idee, Ergebnisse“, in: Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik 4, Mainz u. a. 1961, S. 9.

[2]     Für eine Zeittafel zur frühen Entwicklung des IMD und der Ferienkurse siehe Appendix 1.

[3]     Für eine kulturelle Nachkriegsgeschichte Darmstadts vgl. Elke Gerberding: „Darmstädter Kulturpolitik der Nachkriegszeit“, in: Von Kranichstein zur Gegenwart: 50 Jahre Darmstädter Ferienkurse, 1946–1996, hg. von Rudolf Stephan u. a., Stuttgart 1996, S. 29–35.

[4]     Vgl. Friedrich Hommel: „Korrektur einer Legende. Zur Geschichte und Gegenwart der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt“, in: MusikTexte 2 (1983), S. 32.

[5]     Für eine Übersicht über die ersten Veranstaltungsorte der Ferienkurse siehe Appendix 2.

[6]     Vgl. Steinecke: „Kranichstein“, S. 11.

[7]     Vgl. Susanna Großmann-Vendrey: „Der Rundfunk in Darmstadt. Entstehung und Entwicklung der Kooperation (1946–1961)“, in: Von Kranichstein zur Gegenwart, S. 121–123. Vgl auch: Michael Custodis: „Westliche Kontinuität. Musikwissenschaftliche Expertennetzwerke vor und nach 1945“, in: ÖMZ 64, Nr. 4 (Juli–Aug. 2012), S. 44–47.

[8]     Selbstbeschreibung des IMD, http://www.internationales-musikinstitut.de/imd.html, 21.05.2016.

[9]     Steinecke: „Kranichstein“, S. 18.

[10]    Selbstdarstellung des IMD, http://www.internationales-musikinstitut.de/archiv/bibliothek/, 21.05.2016.

[11]    Vgl. Steinecke: „Kranichstein“, S. 24.

[12]    Ebd., S. 9.

[13]    Die Appendices A und B basieren auf den Angaben in Antonio Trudu: „Zur Entstehungsgeschichte des Internationalen Musikinstituts Darmstadt“, in: Von Kranichstein zur Gegenwart, S. 11–16 sowie auf der Selbstdarstellung des IMD: http://www.internationales-musikinstitut.de/imd/geschichte.html, 21.05.2016.



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