Seminar-Blog

custom header picture

2. Panel – Forum for Philosophy and Art

06. August 2016 Laura-Maxine Kalbow Keine Kommentare

Gerade läuft das zweite Panel des Forums für Philosophie und Kunst. Heutiges Thema: das Politische.

Chaya Czernowin greift ein Zitat von Bertolt Brecht auf, das auch schon in der gestrigen Diskussionsrunde gefallen ist:

„Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt.“

Czernowins Kommentar: „Everybody talks about the injustice today, but nobody talks about the trees.“

Gelebter Excess – wie wahr!

Laura-Maxine Kalbow Keine Kommentare

von Sebastian Genzink und Laura-Maxine Kalbow

 

Unter einer gepfefferten Diskussion ist nichts Anderes zu verstehen als…

Die Kombination aus bekannten Rednern, dem obligatorischen Sexismusvorwurf, einem Hauch pikanter Provokation, subversivem gegenseitigen Auflaufenlassen….

…und natürlich nicht zu vergessen: Einem Publikum, das auf äußerst uneindeutige Art und Weise zwischen Augenverdrehen und Szenenapplaus hin- und herwechselt.

Ashley Fure, Jennifer Walshe, Dieter Mersch, Christian Grüny, Claus-Steffen Mahnkopf, Michael Pisaro und Bernhard Waldenfels hatten die Intention im Rahmen des „Forum for Philophy and Art“, die beiden Disziplinen Philosophie und Musik näher zueinander zu führen. Dabei erhitzen sich die Gemüter allerdings schneller, als wohl von allen Beteiligten zunächst gedacht. Spätestens mit dem ersten Sexismusvorwurf verschwammen die Grenzen zwischen sachlicher Argumentation und intellektuellem Boxkampf. Auch die babylonische Sprachverwirrung zwischen Englisch-Deutsch, Deutsch-Englisch, Englisch-Englisch, Deutsch-Deutsch und das Definitionsproblem des Wortes „Wahrheit/Truth“ trugen ebenfalls sicherlich nicht zur Klärung der Situation bei.

Dabei versprach die Diskussion inhaltlich durchaus interessant zu werden. Sie nahm ihren Ausgangspunkt bei der Nutzung von Philosophie durch den Komponisten als so genannten „Workmyth“, ein mehr oder weniger pragmatisches Rechtfertigungsmodell für das eigene Schaffen.

Davon blieben am Ende folgende ernüchternde Einsichten in Hinblick auf Diskussionsatmosphäre übrig:

  1. Wie führe ich eine Diskussion am besten NICHT.
  2. Wie provoziere ich durch Leseempfehlungen.
  3. Wie finde ich durch einen Plenumsbeitrag dann doch noch einen halbwegs versöhnlichen Abschluss.

Auch wenn der Unterschied zwischen Wahrheit und Truth immer noch nicht geklärt ist, sind wir sehr gespannt auf die nächste Runde.

Mahnkopf

 

Pressespiegel – Elmshorner Nachrichten 04.08.2016

05. August 2016 Laura-Maxine Kalbow Keine Kommentare

Gestern in den Elmshorner Nachrichten: ein Artikel über unsere Reise nach Darmstadt.

Vielen Dank an die Redaktion!

http://www.shz.de/lokales/elmshorner-nachrichten/studentin-aus-elmshorn-auf-den-spuren-von-schoenberg-webern-strawinsky-und-nono-id14450191.html

image

Drachenhäute oder kleine Gespenster – die Suche nach den passenden Worten in der Schreibwerkstatt mit Stefan Fricke

Laura-Maxine Kalbow Keine Kommentare

von Tobias Knickmann und Laura-Maxine Kalbow

 

Wie beschreibe ich ein weißes Silikonmaterial, das sich in alle Richtungen dehnen kann, mit dem ich Klänge erzeuge, eine Haut, die in einer Klanginstallation zum Gestaltungselement wird? Wie erkläre ich einem Leser, nach was diese Musik klingt?  Wie beschreibe ich meine Umgebung? Sehe ich in dem Silikonmaterial eine Drachenhaut oder erinnert es an „Das kleine Gespenst“?

 

Journalistische Grundlagen

Impressionen und Beschreibungen von Musik und dem Raum, in dem sie erklingt, lassen sich schwer auf’s Papier bringen. Diese Fragen diskutieren zirka zehn TeilnehmerInnen in der Schreibwerkstatt der Internationalen Ferienkurse. Journalistische Grundlagen neben dem Feingefühl für die Neue Musik bestimmen den Workshop mit Stefan Fricke.

Wir durften mit einsteigen. Hinein in die scheinbar endlosen Kontroversen über den gelungenen Prototyp einer Kritik, hinein in die Frage nach der gelungenen „Schreibe“, der professionellen Radiostimme, der Rolle des Kritikers, des Musikjournalisten.

Mit starker Intensität, viel Witz und genügend kreativen Pausen wurde diskutiert, ob das Blau krass oder intensiv ist, der Komponist schon im ersten Absatz zu erwähnen ist, die zweite und dritte Auflistung nach dem Komma zwingend folgen muss.

 

Kritik der Kritik

Ist Ihnen aufgefallen, dass dieser Text mit unmöglichen Fragen beginnt? Und was zum Teufel ist eine „starke Intensität“? Impliziert Intensität denn nicht immer etwas Starkes? Haben sie beobachtet, dass die Sätze immer mit einer unnötigen dritten Auflistung enden? Und wieder diese Fragen…

Kritik über die eigene „Schreibe“ ist nicht einfach, Fehler sind nicht leicht zu entdecken, ebenso ist sie kontrovers und diskutabel, aber sie ist wichtig. Und es macht Spaß, denn sie hinterfragt, lehrt und setzt neue Impulse.

DSC06249

Vielen Dank an Stefan Fricke und alle Teilnehmer!

Metablog II – Verästelungen und Werkstätten

04. August 2016 Alexander Schoeppl Keine Kommentare

Tag zwei der Exkursion beginnt mit einem morgendlichen Meeting im Frühstückraum des Hotels.

DSC06229

Eindrücke des ersten Tages werden ausgetauscht, Pläne geschmiedet und organisatorisches geklärt. Dazu den ein oder anderen Happen zur Stärkung. Mitten im Meeting verlassen die ersten Teilnehmer den Raum. Nicht etwa aus Protest, sondern viel mehr, um rechtzeitig zu den ersten Lectures und Workshops zu kommen. Musik Bewegt.

DSC06233
Etwa die Hälfte unserer Hamburger Jungs und Deerns ist um 11.00 Uhr zu der Schreibwerkstatt bei Stefan Fricke eingeladen. (Dazu mehr in einem eigenen Beitrag)

DSC06249

Um die Mittagszeit verlässt wiederum die Hälfte der besagten Hälfte die Werkstatt um sich Postadorno zu widmen. „Danach saßen wir im Fresszelt und wussten nicht so genau…“ Auch das nicht so genau wissen, das Fragen stellen und keine eindeutige Antwort finden gehört definitiv nach Darmstadt. Und platt as it is: Diskussionen über Diskussionen über Diskussionen ist Darmstadt ist Darmstadt ist Darmstadt. In einer Pause der Schreibwerkstatt entdeckt der Autor den harten Kern Timo im Interview mit Susanne Kirchmayr von Electric Indigo. Schnell ein Foto gemacht.

DSC06235
Nachmittags werden weitere Workshops und Lectures besucht, oder es wird sich im Hotel oder Café auf das abendliche Konzert von Eva Reiter und dem Ictus Ensemble vorbereitet. 18.20 Treffen am Darmstädter Hbf.

DSC06260

Nach Frankfurt geht’s schnell, dann noch ein paar Stationen mit der Tram.
Vor dem Frankfurt Lab (erinnert einige von uns an Kampnagel in Hamburg) gibt es wie am Abend zuvor eine selbstgemachte Einführung zu dem Konzert. Dieses mal also Lichtenberg Figures von Eva Reiter. Spannend. Zurück dürfen wir mit dem Shuttle Bus fahren. Anscheinend müssen die Impressionen erst einmal sacken, denn die richtig heißen Diskussionen über das Stück – auch im Vergleich zu Jennier Walshes Beitrag vom Vorabend – folgen erst am nächsten morgen.

DSC06264

Gesprochen wird darüber natürlich trotzdem, während einige von uns noch ein paar Snacks, Bierchen, Weinchen und Cocktails zu sich nehmen.

DSC06265 DSC06268

Metablog I – Anreise und erste Impressionen

03. August 2016 Alexander Schoeppl Keine Kommentare

Treffen um 7.40 am Hamburger Hauptbahnhof. Große Erwartungen, müde Augen. Schon am Bahnhof erste Diskussionen über Neue Musik. Erleichterung, dass alles zu klappen scheint.

DSC06209
Im Zug nach 3 Minuten kurzer Schockmoment: Wir fahren viel zu langsam! Bis Harburg (also ein paar Minuten) Schneckentempo, danach geht’s in regulärer Geschwindigkeit weiter Richtung Darmstadt.
Nachdem etwa die Hälfte der Strecke zurückgelegt wurde, dünnt sich die Teilnehmerzahl an den regen Gesprächen über Neue und Alte und jede Musik gehörig aus – die Nicht-Teilnehmer schlafen. Wacht man ob einer Unebenheit des deutschen Schienennetzes doch einmal auf, hört man Unterhaltungen über das Performative in der Musik, das Verhältnis von Popularmusik zu Neuer Musik und unanständigen Wörtern bei Orlando di Lasso.
Umsteigen in Frankfurt. Genauer gesagt am Südbahnhof. Erste Unsicherheiten seitens der Hamburger Reisegruppe bezüglich des Wetters und den eingepackten Klamotten. Trotzdem wird die Reise mit freudiger Erwartung fortgesetzt.

DSC06210DSC06213
Ankunft in Darmstadt um 13.00 Uhr. Feinstes Hamburger Schmuddelwetter. Erstmal zum Hotel. Nach kurzem Einzug in das vorübergehende Domizil fahren wir gemeinsam zur Lichtenbergschule und werden herzlichst in Empfang genommen. Jeder wird mit Jutebeutel inklusive Programmbuch und Fahrplan ausgestattet. Und Thomas Schäfer schüttelt auch die Hand. Nach dieser ersten Gundversorgung lechzen wir nach Konzerterlebnissen. Gut, dass in der Rückspiegel Reihe das Klavierkonzert von John Cage direkt auf dem Spielplan steht. Erst erklingt ein Kammerversion (ohne Klavier), dann folgt eine erklärende Lecture, zuletzt hören wir das Stück in großer Besetzung (mit Klavier). Einige aus der Gruppe besuchen nun direkt Kurse, die für ihre Forschungsfragen von Interesse sind (z.B. bei Beat Furrer). Die anderen begeben sich auf Nahrungssuche, bevor das nächste Konzert startet. Bei Pizza, Pasta und kalten Getränken bekommen wir eine Einführung zu dem Extended Strings Konzert in der Orangerie.

DSC06226

Da die Konzertlocation nicht weit von der Nahrungsquelle ist und einige Kurse sich mit der Pizzazeit teilweise überschnitten, muss ein halbgefüllter Pizzakarton mit ins Konzert genommen werden. Kein Problem. Nach dem Konzert sind wir alle platt, Jennifer Walshes Komposition ließ einige von uns „die ganzen 45 Minuten mit offenem Mund dasitzen“. In der Tram geht es weiter mit heißen Diskussionen, einigen sieht man die Eindrücke des Tages an.
Der harte Kern – besser gesagt ein einzelner harter Kern – zieht noch weiter in Richtung Electric Indigo, der Rest legt sich im Hotel nach einem (eiskalten) Bierchen aufs Ohr und freut sich auf den nächsten Tag bei schönstem Hamburger Nieselregen. Ein Stückchen Heimat.

Kleine Anekdoten…: Mit der 3 durch Darmstadt

Tobias Knickmann Keine Kommentare

Tag 2 der Exkursion in der hessischen Stadt mit dem lustigen Namen: Am Luisenplatz steigen wir, vier morgendlich-muntere Teilnehmer unserer Reisgruppe, in die Tram Nr. 3. Endstation: Lichtenbergschule. Noch vertieft in die morgendlichen Reflexionen über den gestrigen Konzertabend in der Orangerie, den letzten Bissen des flüchtig aufgegabelten Frühstücks noch in der linken Mundhälfte, folge ich den Blicken meiner Mitfahrenden über meine rechte Schulter in Richtung schräg gegenüber: Ist das nicht … ?
Die grau-melierten Haare noch dusch-frisch und (wie immer?) ungekämmt; würde es nicht Bindfäden regnen, sähe sein beige-farbener Leinenanzug in Kombination mit dem weit aufgeknöpften Hemd unglaublich sommerurlaublich aus. Ja, er ist es! – Brian Ferneyhough auf dem Weg zur Arbeit. Neben den vielen anspruchsvollen Hörerfahrungen, professionellen Lectures und Panels, neben den regen Diskussionen im Open Space, zeichnen genau diese flüchtigen Momente die Ferienkurse aus. Mehr davon!

Von Hamburg nach Darmstadt

01. August 2016 Florence Eller Keine Kommentare

Hamburg, Bibliothek des Instituts für Musikwissenschaft: Einige Teilnehmer werfen einen Blick in eine Partitur von Karlheinz Stockhausen und bereiten sich auf die Musik vor, die während der 48. Darmstädter Ferienkurse zu hören sein wird. Der Komponist war ab den 1950er Jahren eine prägende Figur der Avantgarde und seine Werke werden heute als zentral für die musikalischen Entwicklungen in der Nachkriegszeit beurteilt. Bei den diesjährigen Internationalen Ferienkursen für Neue Musik wird am 4. August seine Komposition Mikrophonie I aus dem Jahr 1964 erklingen. Die Rückspiegel-Konzerte bringen ebenfalls markante Werke aus der siebzigjährigen Geschichte der Darmstädter Ferienkurse zur Aufführung und vermitteln durch einen Vortrag zusätzlich den Entstehungskontext, die Kompositionstechnik und Ästhetik der Werke. Neben den Ur- und Erstaufführungen, die die aktuellen Strömungen präsentieren, wird damit auch die musikalische Vergangenheit des Festivals sinnlich erfahrbar.

Dass in Darmstadt jedes Mal aufs Neue Musikgeschichte zum Klingen gebracht wird, ist auch für MusikwissenschaftlerInnen ein besonderes Ereignis. In seinem angestammten Lebensraum, der Bibliothek, begegnet ihm Musik zunächst schriftlich festgehalten auf dem Papier. Zum Studium perfekt. Und doch auch wieder nicht ganz perfekt, denn das Notierte will als Symbol für Klingendes verstanden werden. Der Übersetzungsprozess ist bei Neuer Musik nicht immer leicht, so dass es in jedem Fall das Hörerlebnis einer Aufführung braucht. Der Weg aus der Bibliothek in den Konzertsaal, die Reise von Hamburg nach Darmstadt bedeutet daher die Verwandlung der Partitur in die ästhetische Erfahrung.

 

Gehört! Und gesehen?

Maike Schuster Keine Kommentare

von Maike Schuster

 

Ist Musik (nur) Klang? Sind die Ohren das einzige, das der Zuschauer öffnen sollte? Oft mag das zutreffen zu – nicht aber bei Musiktheater: Tanztheater, Oper, Musikinstallationen, Musiknummern bei Schauspielstücken etc., denn die Werke werden neben der musikalischen durch die visuelle Ebene bestimmt. Auch Programmmusik und absolute Musik werden bei Gelegenheit bebildert. Und selbst einige Konzertbesucher kaufen gezielt einen Platz, von dem sie den Dirigenten oder bestimmte Solisten besser sehen und beobachten können.

Ist das Musizieren an sich schon ein performativer Akt? Bestimmt, aber es hat keine Handlung und ein meist filigranes „kleines“ Gestenrepertoire, ist also mitunter nicht „spektakulär“ genug für den Zuschauer. Im Tanztheater findet der Choreograph über den Tänzerkörper für fast jede Musik einen Ausdruck, der oft assoziativ ist. Bei den anderen genannten Formen ist es ähnlich: Der Musik werden Bilder, Räume, Subjekte, Handlung und Körper hinzugefügt; im selben Zuge ergeben sich zum Teil auch andere akustische und aufführungspraktische Änderungen. Video und Bildeinspielungen sind gängige Mittel, die bei Musikdarbietungen eingesetzt werden, und manchmal wird von den Musikern selbst gefordert, nicht nur Musik, sondern auch eine „Rolle“ zu spielen. Ebendies war bei den letzten Ferienkursen unter dem Titel „Performing Matters“ Thema.

Thomas Schäfer spricht in seinem Vorwort zum diesjährigen Kursprogramm von einem „erweiterten Musikbegriff“, der verwendet wird1. Des weiteren bemerkt der Komponist Johannes Kreidler an gleicher Stelle, dass Neue Musik ständig einer „Materialerweiterung“ bedarf. Musik benötigt also nicht nur einen inneren auskomponierten Raum durch die Interpreten und den Komponisten, sondern wird vermehrt erweitert um einen „äußeren aufführungspraktischen, performativen Raum“2 der durch Medien angereichert werden kann. Die 47. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik 2014 standen unter dem Motto der Performance. Wie sehr fließen die Erweiterungen in diesem Jahr in die Veranstaltungen ein? Wählen Komponisten ungewöhnliche Orte für die Aufführungen ihrer Werke? Geben sie szenische Anweisungen oder suchen nach einem Regisseur bzw. Ausstatter? Wie stehen die ausführenden Interpreten zu dieser Bewegung? Welche spielpraktischen Anweisungen geben die Komponisten? Wie weit wird den Musikern auch Bühnenpräsenz und szenische Spannung vermittelt? Weshalb streben Komponisten danach, dass Musik einen Körper bekommt oder warum gerade nicht? Dominieren abstrakte oder konkrete Formen? Wo steht das Modell der Oper und was bedeutet der Begriff des „Theaters“ in der Musik?

Diese und ähnliche Fragen werde ich mir und hoffentlich auch einigen Künstlern stellen können. Anhand des Programms habe ich aufführungstechnische Erwartungen, die es zu überprüfen gilt. Der Titel Music in the Expanded Field gibt dem diesjährigen Kursprogramm auf der Website der Ferienkurse den Namen. Ein erweiterter, ein ausgeweiteter oder auch aufgeblähter Begriff von Musik, der zu weiteren Überlegungen führt: Was bietet und beinhaltet dieses „mehr“? Durch welche Medien wird Musik angereichert? Und sind dann die Medien das „Neue“ oder die Musik? Oder erhoffen viele Komponisten ein Gesamtkunstwerk? Welche, welche nicht, wie sieht das aus und aus welchem Grund?

Wenn Anne Teresa De Keersmaeker das Festival eröffnet und Sasha Waltz es beschließt, haben die jungen KomponistInnen noch Platz zwischen den beiden Choreografinnen? Da in Ashley Fures Komposition „Opera for Objects“ keine Menschen im Mittelpunkt stehen, sondern Objekte, stellt sich die Frage: Wo ist das Subjekt momentan? Tritt es in der Masse zurück? Auch bei Romeo Castelluccis Inszenierung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach La Passione in den Hamburger Deichtorhallen in diesem Jahr wurden Objekte ausgestellt und beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel präsentierte Miet Warlop eine „Night of living objects“. Ein Trend?

Im Staatstheater Darmstadt begleitet ein Wettbewerb die Ferienkurse in diesem Jahr: Der Internationale Musiktheaterwettbewerb Darmstadt. Er soll jungen Komponisten die Möglichkeit einer Uraufführung an einem Staatstheater bieten und erfuhr große Resonanz: Es gab in diesem Jahr 150 Bewerber, von denen nun einige wenige die Möglichkeit erhalten, eine musiktheatrale Szene von 15 bis 20 Minuten Länge zur Aufführung zu bringen. Die Komponisten kommen aus verschiedenen Ländern und verfolgen sehr verschiedene Ästhetiken, einige berufen sich auf Elektronik, andere auf klassisches Handwerk, dass sie weiter entwickeln wollen.

Besonders interessieren mich neben den Studenten zwei Persönlichkeiten, die bei den Ferienkursen dozieren: David Helbich und Jennifer Walshe, die gemeinsam einen Workshop für Composer-Performer leiten. Helbich kreiert unermüdlich experimentelle Werke für die Bühne, für Print- und Online- Medien sowie den öffentlichen Raum. Er begreift das Publikum dabei nicht als Masse, sondern als Individuen. Dies zeigt sich z. B an seiner Komposition Earchestra, die nur die Ausführenden hören können.

Jennifer Walshe ist Komponistin, Interpretin und Performerin in Personalunion und tritt oft selbst auf. Ihre Arbeit ist aufgrund der Vielschichtigkeit schwer zu greifen und stellt für mich eine Herausforderung dar. Daneben haben weitere Kompositionsdozenten bereits musiktheatralisch gearbeitet und eine eigene Bühnenästhetik entwickelt (wie Lucia Ronchetti), sowie neue performative und räumliche Dimensionen erschlossen (wie Jorge Sánchez-Chiong). Es wird interessant sein zu verfolgen, wie sich die Studenten (auch quantitativ) zu den Ästhetiken verhalten und mit ihnen umgehen.

Während der Exkursion gilt es für mich, die Haltungen aller Beteiligten hinsichtlich des theatralen Aspekts der Musik zu erfassen. Ist Musik visuell und benötigt sie einen Körper?

 

1Vgl. Programm der Ferienkurse 2014, entnommen der Website http://www.internationales-musikinstitut.de am 03.06.16.

2Vgl. ebd.

Vermittlung von Neuer Musik bei den Darmstädter Ferienkursen 2016

Jana Rothe Keine Kommentare

von Jana Rothe

„Das anfangs auch hinsichtlich der Altersstruktur herkömmliche Lehrer-Schüler-Verhältnis wandelte sich recht bald zu einer besonderen Lehr- und Lerngemeinschaft, die durch ein gegenseitiges Geben und Nehmen ohne Rücksicht auf Altersprioritäten bestimmt war“ – so beschreibt 1994 Hermann Danuser in seinem Artikel „Gibt es eine ‚Darmstädter Schule‘?“ die Lehratmosphäre innerhalb der Darmstädter Ferienkurse.[1] Bei meinem diesjährigen Besuch bin ich gespannt, inwieweit dieses gegenseitige Geben und Nehmen auch heute noch zu spüren ist.

Mit dem Lehren und Lernen von Musik habe ich bereits vielfältige Erfahrungen gemacht. Ich genieße seit vielen Jahren Musikunterricht und unterrichte seit über zwei Jahren Querflöte. Auf diesem Wege konnte ich bereits viele unterschiedliche Lehrer und ihre pädagogischen Ansätze kennenlernen. Der Unterricht unterschied sich je nach Bildungsgrad und Erfahrung der Lehrer – ob es nun SchulmusikerInnen, ProfessorInnen, MusikschullehrerInnen, freiberufliche KünstlerInnen, MusikstudentInnen, AbsolventInnen des Popkurses Hamburg oder der School of Music Hamburg waren. Besonders beim Gesangsunterricht waren deutliche Unterschiede erkennbar. Manche Lehrer arbeiteten überwiegend mit Emotionen, Vorstellungen und bildhaften Erklärungen, während andere hingegen vorrangig auf technische Übungen Wert legten. Auch die Stilrichtungen, die meine bisherigen Lehrer unterrichteten, waren vielfältig – von Klassik, über Tango und Jazz bis hin zu Musical. Daneben wurden auch Studio-Technik und der Umgang mit elektronischen Verfahren und Geräten vermittelt. Neue Musik hingegen war bisher noch nicht Gegenstand meines Unterrichts. Im Rahmen der diesjährigen Ferienkurse möchte ich dies durch die Teilnahme an verschiedenen Workshops nachholen. Bei meinen Besuchen des Unterrichtes von Neuer Musik möchte ich exemplarisch untersuchen, inwieweit sich die Vermittlung und Lernstrategien bei traditioneller oder populärer Musik von denen der Neuen Musik unterscheiden. Aber auch inwiefern sich die Vermittlungsarten innerhalb der unterschiedlichen Disziplinen der Neuen Musik unterscheiden.

Da ich den Querflötenunterricht selbst in überwiegend konventioneller Art und Weise kenne, möchte ich die dort vermittelte Spiel- und Vortragsweise mit der der Neuen Musik vergleichen. Vermutlich gibt es aufgrund der veränderten Anforderungen an die Spieler auch andere Übetechniken. Wie werden diese dem Schüler vermittelt? Hierfür möchte ich den Kurs „2. Flute Composition Workshop“ von Eva Furrer und Rebecca Saunders vom 3. bis 5. August (jeweils 14:30 bis 18:00 Uhr) besuchen. Ich interessiere mich für diesen Kurs, da er auf das Flötenspiel in der Neuen Musik eingeht und zusätzlich die Schwerpunkte von Eva Furrers Tätigkeit beleuchtet – insbesondere die Improvisation und die Weiterentwicklung der Flötentechnik auf Sonderinstrumenten (wie zum Beispiel der Kontrabassflöte). Zusätzlich möchte ich die Vermittlung des Saxophonspiels und des Umgangs mit elektronischen Instrumenten analysieren und mit der Vermittlung des Querflötenspiels in der Neuen Musik vergleichen. Der Kurs „Saxophone Studio“ von Marcus Weiss (vormittags zwischen 9 und 13 Uhr) bietet aufgrund seiner Schwerpunkte „Repertoire, Spieltechniken, Ästhetik“ einen guten Anhaltspunkt, um die Art des Unterrichts und die weitergegebenen Werte mit der Vermittlung des Flötenspiels vergleichen zu können. Um die pädagogischen Ansätze beim Spiel elektronischer Instrumente in der Popularmusik mit denen der Neuen Musik vergleichen zu können, möchte ich das Atelier Elektronik von Sebastian Berweck (3. bis 6. August) besuchen. Dieser Workshop für Anfänger und Fortgeschrittene bietet einen Einstieg in die Interpretationspraxis der elektronischen Musik. Ich hoffe, dass sich aus meinen Untersuchungen übergreifende Gemeinsamkeiten oder Besonderheiten in der Vermittlung von Spieltechniken und Ästhetiken der Instrumente und Stile erkennen lassen, die auf die Eigenheiten der Neuen Musik zurück zu führen sind.

Ein besonderes Feld stellt für mich die Vermittlung des Komponierens dar. Paul Hindemith war beispielsweise der Meinung, dass „Komposition in letzter Instanz […] unlehrbar“ sei[2], weshalb er erst 1948 auf Drängen der Yale University und seiner Schüler einen Kompositionskurs leitete.[3] Deshalb möchte ich gerne die unterschiedlichen Herangehensweisen an den Kompositionsunterricht Neuer Musik untersuchen. Hierfür bietet sich der Workshop Situatives Komponieren von Hannes Seidl (1. bis zum 7. August) an, der neben den Themen „mediales Komponieren“, „Teamwork“ und „referentielles Arbeiten“ auch die Rahmenbedingungen künstlerischer Produktion in den Gestaltungsprozess mit einbezieht. Ebenso zeigen die unterschiedlichen im Workshop denkbaren Aufführungsformate (installativ, konzertant, improvisiert, stationär, etc.) unterschiedliche Wege, um ein Stück dem Publikum zu vermitteln. Ich bin außerdem gespannt, wie Seidl das Komponieren anhand von „Äußerungen, die aufgeführt, verfremdet, beschrieben, versteckt, gesampelt“ werden können, seinen Schülern nahe bringt. Einen anderen Ansatz verfolgt der „Percussion Composition Workshop“, hier werden „Komponisten und Musiker zum freien Experimentieren“ eingeladen. Im Mittelpunkt stehen die „Entwicklungsprozesse, praktische Mitwirkung und der Austausch von Ideen und Erfahrungen“. Dieser Workshop bietet damit noch ein anderes Format der Musikpädagogik, das ich gerne mit berücksichtigen möchte.

Meine Betrachtungen zu pädagogischen Ansätzen im Instrumentalspiel und in der Komposition möchte ich schließlich durch den Besuch eines Workshops zu performativen Elementen (dem Workshop Composer-Performer von David Helbich und Jennifer Walshe) und des Kongresses Excess. Forum for Philosophy and Art zum Thema „Überschüsse“ abrunden. Ausgehend von den philosophischen Reflexionen möchte ich der Frage nachgehen, inwiefern es einen Zusammenhang zwischen dem Wert, beziehungsweise der Rolle, der Neuen Musik und ihrer Vermittlung gibt. Durch diese theoretischen Überlegungen erhoffe ich mir, ein umfangreiches Bild sowohl der praktischen als auch theoretischen Vermittlung der Neuen Musik zeichnen zu können.

[1] Hermann Danuser: „Gibt es eine Darmstädter Schule?“, in: Musikkultur in der Bundesrepublik Deutschland: Symposium Leningrad 1990, Kassel 1994, S. 149–166, hier S. 151.

[2] Giselher Schubert: Art. „Hindemith, Paul“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart 2, Personenteil Bd. 9, Kassel 2003, Sp. 20.

[3] Ebd., Sp. 20.

 

Seite 1 von 2